Mein Artikel wurde ursprünglich bei schwedenstube.de veröffentlicht, dies ist eine erweiterte und aktualisierte Version, Stand April 2026.
Begegnung mit Herrn Nilsson
Als wir vor vielen Jahren nach Schweden zogen, wohnten wir zunächst in einem uralten kleinen Häuslein, das sonst an Sommergäste vermietet wurde. Der Vermieter hieß mit Nachnamen Nilsson, das fanden wir total lustig: Herr Nilsson! Haha, wie bei Pippi Langstrumpf.
Etwas später konnten wir in eine Mietwohnung umziehen und der für uns zuständige Mann von der Wohnungsbaugesellschaft hieß auch Nilsson. Als sich herausstellte, dass der Hausmeister auch Nilsson hieß, schaute ich im Telefonbuch nach (das gab es damals noch, genau wie die Telefonzelle auf dem Marktplatz): In unserer kleinen Stadt gab es spaltenweise Nilssons, insgesamt über 200 Stück!
In diesem Artikel erkläre ich, warum es in Schweden so viele Nilssons (und Anderssons und Johanssons) gibt und wie Schweden ihren Namen, wenn er ihnen nicht mehr gefällt, einfach ändern können.
Die Entstehung der schwedischen Son-Namen
Die traditionellen schwedischen Son-Nachnamen sind sogenannte Patronyme, also „Vatersnamen“.
Wenn es in einem Dorf zwei Menschen mit dem gleichen Vornamen gab, wurde zur näheren Kennzeichnung noch der Name des Vaters genannt: Gustaf Eriksson = Gustaf, Sohn des Erik oder Matilda Nilsdotter = Matilda, Tochter des Nils.
In Deutschland wurde zur Unterscheidung häufig der Beruf angegeben, deshalb gibt es dort heute so viele Familien, die Müller, Schmidt, Fischer oder Becker heißen.
Ab dem Ende des 18. Jahrhunderts begann man dann, den Nachnamen des Vaters auch für die Kinder und später auch für die Ehefrau zu verwenden und ihn so weiterzuvererben. (Zwischen 1920 und 1963 bekam die Ehefrau in Schweden per Gesetz automatisch den Nachnamen des Mannes, vorher war das nicht so.)
Das „einfache Volk“ trug Son-Namen, Adelige, Geistliche und Bürger hingegen oft als vornehmer geltende Namen, die aus Heraldik-Symbolen oder Orts- und Naturbegriffen abgeleitet waren. Später wurden zwei solcher Begriffe nach Lust und Laune zusammengesetzt, wodurch auch wenig Sinn machende Namen wie Dalberg (Talberg) oder Granlöv (Tannenlaub) entstanden.
Neben den Son-Namen sind die Kombinationen aus zwei Naturbegriffen heute am häufigsten. „Lindgren“ bedeutet übrigens Linden-Ast, so heißen heute fast 20 000 Schweden, 92 davon haben den Vornamen Astrid.
In den Siebzigerjahren hatten über 40 % der Schweden einen Son-Nachnamen, heute ist es noch ein knappes Drittel. In fast jeder Schulklasse gibt es mehrere Kinder mit dem gleichen Nachnamen.
„Otto Normalverbraucher“ heißt in Schweden übrigens „Medelsvensson“ (Durchschnitts-Svensson) oder auch nur „Svensson“.
Welcher Name führt die Hitliste an?
Auf Platz eins findet man die Anderssons: so heißen etwa 220 000 Schweden mit Nachnamen. Fast genauso viele heißen Johansson. Die Bronze-Medaille erhalten die Karlssons und auf Platz vier liegen Nilssons.
Personen, die zu einem dieser häufigen Nachnamen noch einen beliebten Vornamen tragen, haben also sehr viele Namensvettern.
Maria Johansson heißen allein in Stockholm über tausend Frauen und Karl Andersson knapp tausend Männer.
Die große Namensdichte in Schweden erklärt auch eine Kleinanzeige im Internet: „Flugticket günstig zu verkaufen, nur an Monika Johansson.“ 😊
Den Namen einfach ändern
Da die traditionellen Son-Namen oft als langweilig, wenig individuell und dadurch als eventuelles Karriere-Hindernis empfunden werden, haben viele Träger dieser Namen das Bedürfnis, ihren Namen zu ändern.
Und während man in Deutschland für eine Namensänderung einen triftigen Grund haben muss, ist dies in Schweden eine sehr einfache Angelegenheit.
Man füllt einfach ein entsprechendes Formular bei Skatteverket aus.
So kann man z. B. relativ unkompliziert und günstig oder sogar kostenlos
- den Nachnamen des Partners annehmen
- als Nachnamen den Mädchennamen von Mutter oder Großmutter führen
- die Schreibweise des Namens ändern (von Eriksson zu Erixon oder von Katrin zu Cathrin)
- sich einen neuen Vornamen aussuchen (statt Marie nun Sophie)
- einen in Schweden häufigen Nachnamen annehmen (zu dem man also keine Verbindung haben muss)
- einem Kind den Vornamen des Vaters oder der Mutter mit der Nachsilbe „son“ oder „dotter“ geben: Martin und Astrid können ihren Sohn also Max Martinsson oder Max Astridsson nennen und ihre Tochter Lisa Martinsdotter oder Lisa Astridsdotter.
Den eigenen Nachnamen selbst kreieren
Immer beliebter wird es außerdem, bei Heirat oder Familiengründung einen ganz neuen Nachnamen zu erfinden: Der Name wird zum Markenzeichen.
In den letzten Jahren haben sich jährlich fast 2000 Schweden für diese Möglichkeit entschieden. Dieser Antrag kostet mehr und die Bearbeitung und Prüfung dauern ca. ein halbes Jahr.
Wird der Antrag genehmigt, erhält man das Recht auf den Namen und darf seine Nachkommenschaft entsprechend nennen und den Namen weitervererben.
Neben Heirats- , Geburts- und Todesanzeigen findet man in schwedischen Zeitungen immer wieder Anzeigen zur Namensänderung: Ich heiße nun nicht mehr Gustavsson, sondern Winterblom bzw. nicht mehr Marie, sondern Sophie.
Ein besonders origineller Fall: Gert Bondessons Tochter Nathalie änderte ihren Nachnamen zu „Gertsdotter“, woraufhin dem Vater die Idee kam, dass er dann doch auch „Nathaliespappa“ heißen könne.
Der Antrag ging durch und Vater und Tochter tragen nun kreuzweise den Namen des anderen als Nachnamen.
