Einleitung
Hier ist der dritte Teil meiner sehr ausführlichen Beschreibung des schwedischen Bildungssystems. (Stand 2026)
Ich beschreibe, wie es am schwedischen gymnasiet zugeht, der Schule für 16-19-Jährige. (Die also kein „Gymnasium“ ist, sondern eine Schulform, welche die hochschulvorbereitende gymnasiale Oberstufe und Berufsschulausbildungen unter einem Dach anbietet.)
Den ersten Teil, in dem wichtige Begriffe erklärt werden, findest du hier: So funktioniert Schule in Schweden, grundsätzlicher Aufbau des schwedischen Bildungssystems.
Im zweiten Teil meiner Erklärungen zum schwedischen Schulsystem beschreibe ich, wie es an schwedischen Grundschulen und an der schwedischen Pflicht-Gesamtschule zugeht.
In folgendem Artikel erkläre ich außerdem, wie dein Kind bei einem Umzug nach Schweden in das dortige Schulsystem integriert wird: Dein Kind in der schwedischen Schule – So werden ausländische Kinder integriert.
Ich möchte mit meinen ausführlichen und aktuellen Artikeln (2026) zum schwedischen Bildungssystem sowohl Eltern informieren, die mit ihren Kindern nach Schweden umziehen (oder die darüber nachdenken), als auch interessierte Lehrer und Schulverantwortliche inspirieren.
Man muss das Rad nicht überall neu erfinden. Wer andere Systeme mit ihren Vor- und Nachteilen tiefer kennenlernt, kann Fehler, die dort gemacht wurden, selbst vermeiden. Und die guten Ansätze kann man übernehmen und an das eigene System anpassen.
Inhalt
Übersicht schwedisches Bildungssystem

Viel Vergnügen beim Lesen! Schreibe mir gerne von eigenen Erfahrungen in den Kommentaren.
Wie funktioniert das schwedische gymnasiet?
Nach der neunjährigen Pflichtschule wechseln im Prinzip alle Schüler aufs gymnasiet, das, wie oben bereits gesagt nicht mit „Gymnasium“, sondern mit ”Schule für 16-19-Jährige” übersetzt werden sollte.
An einem gymnasiet gibt es mehrere, program genannte Ausbildungszweige. Unterschieden wird zwischen
- beruflichen Zweigen (yrkesprogram), die der Berufsschule entsprechen, und
- hochschulvorbereitenden Zweigen (högskoleförberedande program), die der deutschen gymnasialen Oberstufe entsprechen.
Diese sind also in der gleichen Schule untergebracht. Als gymnasielärare unterrichtet man je nach Fach Schüler aus beiden „Zweigarten“.
Yrkesprogram (berufliche Zweige):
Diese Zweige entsprechen der deutschen Berufsschule inklusive einem Großteil der praktischen Ausbildung.
Die findet üblicherweise nämlich nicht in einem Ausbildungsbetrieb statt, sondern in der Schule, die dafür entsprechende Werkstätten und Lehrer hat. In Betrieben macht man dann mehrwöchige Praktika.
Damit soll eine einheitliche Qualität der Ausbildung gewährleistet werden. Außerdem hofft man, die minderjährigen Schüler so länger vor eventuellen negativen Einflüssen am Arbeitsplatz wie Mobbing oder Alkoholkonsum schützen zu können und schneller auf z. B. psychische Probleme aufmerksam zu werden.
Seit 2009 besteht zwar im Prinzip die Möglichkeit einer lärlingsutbildning, sie wird jedoch nicht überall angeboten, ist im öffentlichen Bewusstsein weniger verankert und hat mancherorts den Ruf, nur etwas für die schwächeren Schüler zu sein. Im Moment (2026) wählt nur ca. jeder zwölfte Berufsschüler diese Möglichkeit.
Diese beruflichen Zweige gibt es
Am gymnasiet gibt es 12 berufliche Zweige, die sich teilweise noch in Unter-Richtungen aufteilen. Die einzelnen Schulen bieten eine Auswahl an.
Besondere Ausbildungen an gymnasieskolor med riksintag
Neben den „normalen“ gymnasieskolor gibt es außerdem noch Schulen, die besondere Ausbildungen anbieten und Schüler aus ganz Schweden aufnehmen. (Mit denen man dann um die Plätze konkurriert.)
Dies können z. B. musikalisch-künstlerische Ausbildungen, Ausbildungen im Spitzensport oder besondere naturwissenschaftlich/technische sowie handwerkliche Ausbildungen sein. (Manche davon hochschulvorbereitend, manche berufsbildend.)
Zusammenfassung:
Insgesamt gibt es damit eine kleinere Auswahl an praktischen Berufsausbildungen für 16-Jährige als in den deutschsprachigen Ländern. (Zum Vergleich: In der Schweiz gibt es rund 250 EFZ- oder EBA-Berufe, die nach der obligatorischen Schulzeit erlernt werden können!)
Auffällig ist auch, dass es vor allem die grundlegenden, handwerklich-technischen Ausbildungen sind, in denen die Schüler einen konkreten Berufsabschluss machen können.
Ausbildungen wie Buchhändler/in, Erzieher/in, Informatiker/in, Versicherungsberater/in, Optiker/in, Bibliothekar/in, Zahntechniker/in, Krankenpfleger/Krankenschwester oder eine Bankausbildung kann man in Schweden erst nach Abschluss des gymnasiet, also mit 18 oder 19 Jahren, beginnen.
Welches System besser ist? Daran scheiden sich die Geister.
Ich selbst würde sagen, kommt drauf an.
Schüler, die schon früh ein konkretes Berufsziel haben, das jedoch nicht dem Angebot des gymnasiet entspricht, kommen in den deutschsprachigen Ländern schneller zum gewünschten Berufsabschluss und müssen nicht vorher drei Jahre lang „irgendwas“ machen.
Schüler, für die das Angebot passt, oder Schüler, die sich mit der konkreten Berufswahl etwas Zeit lassen und sich zunächst nur auf eine grobe Richtung festlegen möchten, sind wahrscheinlich im schwedischen System gut aufgehoben.
Genauso wie Schüler, die eine enge Betreuung durch die Schule (Klassenlehrer, Schulsozialarbeiter, tägliches Mittagessen in der Schule usw.) brauchen.
Von der schwedischen Wirtschaft wird immer wieder kritisiert, dass die Schüler zu lange „in der Schulbank sitzen“, und ein Ausbau des Lehrlingssystems gefordert, auch im Hinblick auf die sehr hohe Jugendarbeitslosigkeit.
Vom beruflichen Zweig direkt an die Hochschule
Wer am gymnasiet einen berufsbildenden Zweig besucht, kann erforderliche Fächer und Kurse dazuwählen und sich damit für bestimmte Hochschulstudiengänge qualifizieren.
Mit 19 hat man dann sowohl eine praktische Ausbildung als auch Zugang zu einem Studium. Diese Möglichkeit ist bei den Elektrikern und Automationstechnikern beliebt sowie bei Pflegehilfe-Schülern, die anschließend ein Krankenpflege-Studium absolvieren.
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Högskoleförberedande program (hochschulvorbereitende Zweige)
Diese Zweige entsprechen der deutschen gymnasialen Oberstufe.
Hier gibt es 6 mögliche program, die sich nach dem ersten Jahr nochmals in Vertiefungsrichtungen aufteilen.
Je nach gewähltem Zweig hat man dann manche der bisherigen Schulfächer nicht mehr (die Techniker müssen zum Beispiel neben Englisch keine zweite Fremdsprache machen), dafür aber neue Fächer wie z. B. Psychologie, Soziologie, Unternehmensführung, Privatrecht, Laborarbeit, Programmieren usw.
Dazu kommen im zweiten und dritten Jahr noch verschiedene Wahlfächer.
Wer bestimmte Interessen hat und schon recht gut weiß, was er später einmal machen möchte, kann sich da richtig austoben und seinen Neigungen besser nachgehen als am deutschen allgemeinbildenden Gymnasium. Wer eher breit interessiert ist, hat die Qual der Wahl.
Wie kommt man in die beruflichen bzw. hochschulvorbereitenden Zweige rein?
Hierbei muss man unterscheiden zwischen der Frage, welche Anforderungen man grundsätzlich erfüllen muss (behörighet) und der Frage, ob man dann auch einen der freien Plätze erhält.
Welche grundsätzlichen Anforderungen muss man erfüllen?
Für die grundsätzliche Zulassung zu einem der beruflichen Ausbildungszweige braucht man im Abschlusszeugnis der 9. Klasse:
- Die Note „bestanden“ (E) in den Fächern Mathematik, Englisch und Schwedisch sowie in fünf weiteren Fächern.
Diese fünf weiteren Fächer können z. B. Kunst, Sport, Werken, Hauswirtschaft und Musik sein. (In allen anderen Fächern kann man also durchgefallen sein!)
In den letzten Jahren schafften es jeweils etwas mehr als 15 % eines gesamten(!) Schülerjahrgangs nicht, diese Anforderungen zu erfüllen.
Kein Schreibfehler. (Und angesichts der Kenntnisse, mit denen manche Schüler im gymnasiet ankommen, müsste diese Zahl eigentlich noch höher sein.)
Diese Schüler können zunächst das introduktionsprogram des gymnasiet besuchen, wo sie die Chance haben, ihre Noten in den entsprechenden Fächern zu verbessern.
Für die grundsätzliche Zulassung zu hochschulvorbereitenden Zweigen braucht man im Abschlusszeugnis der neunten Klasse:
- Die Note bestanden (E) in den Fächern Mathematik, Englisch und Schwedisch sowie in neun weiteren Fächern.
Unter diesen neun weiteren Fächern müssen
- Geschichte, Geografie, Gemeinschaftskunde und Religion sein, wenn man ins gesellschaftswissenschaftliche, wirtschaftswissenschaftliche oder humanistische Programm will
- Biologie, Physik und Chemie sein, wenn man ins naturwissenschaftliche oder technische Programm will
Wo kommt man dann tatsächlich rein?
In welches program man dann tatsächlich reinkommt (wenn man also die grundsätzlichen Anforderungen erfüllt), hängt von der Anzahl der an der gewählten Schule verfügbaren Plätze, vom eigenen Notendurchschnitt und ein Stück vom Zufall ab.
Dabei kann es zu seltsamen Erscheinungen kommen:
Der naturwissenschaftliche Zweig gilt als der schwierigste Zweig, da man hier sowohl viele Fächer hat als auch die schwierigeren Mathe-, Physik- und Chemiekurse belegen muss. Wer Medizin studieren will, muss da durch.
Wenn sich an einer Schule 36 Schüler für den naturwissenschaftlichen Zweig bewerben, kann man daraus eine Klasse mit 30 Schülern machen. Die restlichen 6 Schüler landen in anderen Zweigen oder an anderen Schulen. (Zwei zu kleine Klassen kann man aus Budgetgründen nicht bilden.) Damit kommen die 30 mit dem besten Notendurchschnitt rein.
Bewerben sich jedoch 56 Schüler, ergibt das zwei naturwissenschaftliche Klassen mit je 28 Schülern und jeder, der die grundsätzlichen Anforderungen erfüllt, kommt rein. Damit sitzen dann auch Schüler, die in Mathematik, Physik und Chemie mit Hängen und Würgen die Note „ausreichend“ erhielten, in den schwierigen Kursen. Für sie werden diese drei Jahre extrem frustrierend. (Und für die betreuenden Lehrer auch.)
In manchen Fällen ist es sogar einfacher, mit einem mittelmäßigen bis schlechten Notendurchschnitt in ein hochschulvorbereitendes Programm reinzukommen als in die beliebte Elektriker- oder Automechanikerausbildung: Dort kann die Anzahl der Plätze begrenzt sein, da die schuleigene Werkstatt genutzt wird.
Welchen Schulabschluss hat man nach dem schwedischen gymnasiet?
Am Ende des dreijährigen gymnasiet haben die Schüler einen Abschluss, der studentexamen oder kurz studenten genannt wird.
Je nachdem, welchen Zweig man besucht hat, entspricht dieser Abschluss dann also einem Berufsschulabschluss oder dem Abitur/der Matura. Wer Abitur korrekt ins Schwedische übersetzen will, muss högskoleförberedande (gymnasie)examen sagen.
Der Schulabschluss wird Anfang Juni überall groß gefeiert.
Die studenter genannten Abgangsschüler aller Zweige eines gymnasiet tragen zur Feier des Tages Anzug bzw. weißes Kleidchen und die super-wichtige Studentenmütze studentmössa (die bei einem besonderen Event namens mösspåtagning = Mützaufsetzung eingeweiht wird 😊).
Sie werden beim utspring aus der Schule geworfen und fahren dann singend und lärmend auf großen geschmückten Wagen durch die Stadt. Anschließend wird mit Familie, Verwandten und Freunden gefeiert.


Bilder: Bengt Nyman – originally posted to Flickr as IMG_3120, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10727458, Charlotta Wasteson – Kortege student 2017, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?
Was kann man mit dem schwedischen Abitur studieren?
Das deutsche Abitur heißt auch „Zeugnis der allgemeinen Hochschulreife“ und man kann sich damit theoretisch in alle Studiengänge einschreiben.
In Schweden funktioniert dies anders: Hier muss man im gymnasiet bestimmte Kurse besucht haben, um die Zulassungsvoraussetzungen für bestimmte Studiengänge zu erfüllen.
Je nach gewähltem Zweig hat man zum Beispiel mehr oder weniger Mathematik. Für die Zulassung zu einem technischen oder naturwissenschaftlichen Studiengang muss man in der Regel die höheren Mathekurse bestanden haben.
Wer diese Kurse am gymnasiet nicht belegt hat, kann sie nach dem Schulabschluss bei Komvux, der kommunalen Erwachsenenbildung nachmachen.
Erfüllt man die grundsätzlichen Anforderungen für die Zulassung zum gewünschten Studium, kann man sich bei der zentralen Vergabestelle um einen Studienplatz bewerben.
Die freien Plätze an den einzelnen Hochschulen werden dann nach bestimmten Quoten vergeben:
Ein Teil der Bewerber kommt über die meritpoäng (= erreichter Punktwert im Schulabschluss) rein, ein Teil über das Ergebnis von högskoleprovet („Hochschulprüfung“) und ein Teil manchmal über eine zusätzliche Quote.
Högskoleprovet ist eine schwedenweite, freiwillige Prüfung, die zweimal jährlich in vielen Städten angeboten wird. Die meisten Schüler, die studieren möchten, nehmen daran teil. (Man muss dafür mindestens 18 sein.)
Ähnlich wie beim Medizinertest werden in einer sehr intensiven, ganztätigen schriftlichen Prüfung unter Zeitdruck mathematisch-/logisches Verständnis und Textverständnis (Schwedisch, Englisch) geprüft. Das Ergebnis ist acht Jahre lang gültig. Man kann die Prüfung mehrmals machen, das jeweils beste Ergebnis zählt.
Damit bekommen auch diejenigen, die keinen besonders guten Schulabschluss gemacht haben, eine Chance.
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Weitere Artikel zu Schule in Schweden:
So funktioniert Schule in Schweden, Teil 1: Das schwedische Bildungssystem
So funktioniert Schule in Schweden, Teil 2: So geht es in schwedischen Grundschulen und in der Gesamtschule zu
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