So funktioniert Schule in Schweden, Teil 1: Das schwedische Bildungssystem

Wie funktioniert das schwedische Schulsystem?

Einleitung

Das schwedische Bildungssystem ist ein gutes Beispiel für ein Phänomen, das ich den Nachbarland-Bias nenne.

Man denkt ”Das wird schon so ähnlich sein wie bei uns.”

Auf den ersten Blick scheint es das auch, auf den zweiten Blick merkt man, dass vieles ganz anders ist.

Im Internet findet man zum Thema Schule in Schweden leider teilweise veraltete Informationen auf Deutsch, falsch übersetzte Begriffe (im Bildungsbereich gibt es jede Menge false friends), die Vorstellung, in Schweden sei alles besser, und manchmal auch Wunschdenken. So habe ich schon mehrmals gelesen, in Schweden sei homeschooling bzw. Freilernen möglich – nein, das ist es nicht. Stand 2026.

Ich möchte hier aktuelle Informationen zum schwedischen Bildungssystem bieten und den Aufbau und die organisatorischen Unterschiede zu Deutschland erklären. Dabei bin ich mir bewusst, dass es das deutsche Schulsystem durch die Kulturhoheit der Länder eigentlich nicht gibt.

Ausserdem beschreibe ich, wie es in einer schwedischen Schule ”zugeht”.

Vieles läuft nämlich anders ab, als es Deutsche, Schweizer oder Österreicher gewohnt sind. Das geht von der Einschulung über die Hausaufgaben, die Notengebung, die Kosten, die Einflussnahme und Einsicht der Eltern bis zur Abschlussfeier und den Übergang ins Berufsleben oder Studium.

Dabei gehe ich auch darauf ein, welche Vorteile und Nachteile das Schulsystem in Schweden meiner Meinung nach hat, und berichte von meinen persönlichen Erfahrungen als Mutter und Lehrerin an verschiedenen schwedischen Schulen. In Schweden ist vieles anders, manches gut aber nicht alles besser.

Meine Artikelreihe zum schwedischen Schulsystem besteht aus drei Teilen. Links zu Teil 2 und 3 findest du am Ende dieses Beitrags.

In folgendem Artikel erkläre ich außerdem, wie dein Kind bei einem Umzug nach Schweden in das dortige Schulsystem integriert wird: Dein Kind in der schwedischen Schule – So werden ausländische Kinder integriert.

Ich möchte mit meinen sehr ausführlichen Artikeln zum schwedischen Bildungssystem sowohl Eltern informieren, die mit ihren Kindern nach Schweden umziehen (oder die darüber nachdenken), als auch interessierte Lehrer und Schulverantwortliche inspirieren.

Man muss das Rad nicht überall neu erfinden. Wer andere Systeme mit ihren Vor- und Nachteilen tiefer kennenlernt, kann Fehler, die dort gemacht wurden, selbst vermeiden. Und die guten Ansätze kann man übernehmen und an das eigene System anpassen.

Inhalt

So ist das schwedische Schulsystem aufgebaut

Im Moment (2026) ist das schwedische Schulsystem so aufgebaut:

Nach dem Kindergarten (förskola) kommen die Kinder mit 6 oder knapp 6 Jahren in die förskoleklass. Das ist ein Übergangsjahr zwischen Kindergarten und Schule, das alle Kinder besuchen. Seit 2018 ist der Besuch der förskoleklass Pflicht.

Danach erfolgt der Besuch der grundskola genannten Pflichtschule. Sie umfasst die Klassen 1 bis 9 (ca. 7 bis 16 Jahre) und schreitet in Dreierschritten voran:

Klasse 1-3 heißen lågstadiet (wörtlich Unterstufe)

Klasse 4-6 heißen mellanstadiet (wörtlich Mittelstufe)

Klasse 7-9 heißen högstadiet (wörtlich Oberstufe)

Ein Lehrerwechsel findet so normalerweise jedes dritte Jahr statt.

Traditionell befinden sich förskoleklass, lågstadiet und mellanstadiet an einer Schule, danach wechseln die Schüler im Alter von 12 bis 13 Jahren an eine högstadieskola. In manchen Gemeinden erfolgt der Wechsel bereits zur sechsten Klasse. (Da die zweite Fremdsprache seit einigen Jahren ab Klasse 6 unterrichtet wird.)

Im högstadiet (Klasse 7-9) werden alle Schüler gemeinsam unterrichtet. Eine Aufteilung in verschiedene Schulformen wie in Deutschland erfolgt nicht, eine Aufteilung nach Niveaugruppen in bestimmten Fächern (wie an deutschen Gesamtschulen z. B. in Mathematik üblich) erfolgt ebenfalls nicht. Sie ist ausdrücklich unerwünscht. Für die Binnendifferenzierung des Unterrichts und die individuelle Anpassung des Schwierigkeitsgrades sollen die unterrichtenden Lehrerinnen und Lehrer sorgen.

Nach dem högstadiet wechseln im Prinzip alle Schüler aufs gymnasiet. Das sorgt in den deutschsprachigen Ländern immer wieder für Verwirrung.

Ein schwedisches gymnasiet ist nämlich kein „Gymnasium“, sondern ganz einfach eine „Schule für 16-19-Jährige“, die verschiedene Ausbildungszweige anbietet.

Einige dieser Zweige sind berufsbildend (und entsprechen damit der deutschen Berufsschule plus einem Teil der berufspraktischen Ausbildung), andere sind hochschulvorbereitend (und entsprechen damit der deutschen gymnasialen Oberstufe).

Den studenten genannten Schulabschluss machen die Schüler dort dann mit 18 oder 19 Jahren. Je nachdem, welchen Zweig und welche Kurse sie gewählt haben, haben sie damit Zugang zu verschiedenen weiterführenden Ausbildungen.

Schüler, die von einer starken geistigen/kognitiven Beeinträchtigung betroffen sind, besuchen in Schweden die anpassad grundskola/gymnasieskola.

Schüler mit starken körperlichen Beeinträchtigungen können eine specialskola besuchen.

Außerdem gibt es mancherorts noch die resursskola, die keine eigene Schulform ist, sondern als eine Art „Unterabteilung“ einer grundskola oder anpassad grundskola Schüler aufnimmt, die sehr umfassenden Unterstützungsbedarf haben (z. B. besondere Erkrankungen).


Hier nochmal die Übersicht als Grafik:

Wird dein Kind nach 2028 eingeschult, kommt es zu einer kleinen Änderung. Diese erkläre ich in folgendem Artikel: Dein Kind in der schwedischen Schule.

Die verschiedenen Bezeichnungen sind gerade für Deutsche sehr verwirrend, weil vieles ähnlich heißt, aber etwas anderes bedeutet!

Wenn in Schweden von der grundskola die Rede ist, sind damit also die Klassen 1-9 gemeint.

Eine deutsche Grundschullehrerin (der Klassen 1-4) entspricht in Schweden am ehesten einer lågstadielärare.

Und ein Schüler, der in Schweden das gymnasiet besucht, muss nicht die hellste Kerze auf der Torte sein. 😊 (Durch die deutsche Presse geistert immer wieder, das schwedische Schulsystem sei so toll, dass fast alle Schüler das Gymnasium besuchten …)

Besonders aufpassen muss man bei automatisch generierten Übersetzungen im Internet.

Und nicht nur für Deutsche sind die Begriffe verwirrend.

Wenn deutsche Eltern den schwedischen Lehrern erzählen, ihr Kind habe in Deutschland die 7. Klasse des Gymnasiums besucht, dann verstehen die Schweden oft nur Bahnhof.

🙂Nichts verpassen: Melde dich zu meinem Newsletter an und du erfährst, wenn es hier etwas Neues gibt!


Grundsätzliche Kennzeichen der schwedischen Schule

In Schweden gilt in der Schule, wie auch in anderen Bereichen der Gesellschaft, das Gleichheitsprinzip. Alle sollen die gleichen Chancen erhalten, Bildung darf keine Frage des Geldes und keine Frage der Unterstützung durch die Eltern sein.

Kostenloser Schulbus, Mensa, Schulmaterial

Daher ist vieles, was in anderen Ländern für die Familien mit Kosten verbunden ist (Schulbus, Arbeitsmaterial, Mensa), in Schweden steuerfinanziert. Einkommensschwache Familien werden durch den Schulbesuch der Kinder so nicht noch zusätzlich belastet.

Förderung von Schülern mit Lernschwierigkeiten

Das Prinzip gilt auch für die Förderung von Schülern mit Lernschwierigkeiten, die komplett in der Schule erfolgt. Freiberufliche Lerntherapeuten gibt es keine, auch private Nachhilfestunden sind eher unüblich. (Die Eltern sind gewohnt, dass für die Schule die Schule zuständig ist.)

Stattdessen sind in den Schulen sogenannte specialpedagoger oder speciallärare tätig. Sie testen die Schüler auf Förderbedarf, legen fest, welche „zusätzlichen Anpassungen“ der jeweilige Lehrer vornehmen soll und arbeiten mit Fördergruppen.

Meine Erfahrung dazu: Ein tolles Prinzip, das in der Praxis jedoch seine Schwächen hat. Viele Schüler erhalten leider nicht die Hilfe, die sie eigentlich bräuchten.

Es ist üblich, dass die specialpedagoger Förderbedarf feststellen und die Art der Förderung festlegen, diese dann aber im Rahmen des normalen Unterrichts durch den Fachlehrer erfolgt. Das funktioniert je nach Fach (und Lehrer) unterschiedlich gut. In Mathematik wird es schwierig, wenn fast ein Viertel der Klasse den Stoff des letzten Schuljahres gar nicht kann und jede einzelne Aufgabe individuell angepasst erklärt bekommen soll. Und Kinder, die eigentlich keine Leseschwäche haben, das Lesen jedoch anstrengend finden, werden oft mit technischen Hilfsmitteln (Lehrbücher als Hörbuch, Computer, der vorliest …) versorgt, so dass sie dann gar nicht mehr lesen „müssen“.

Wer eine Klassenarbeit in den Sand gesetzt hat, bei einer Prüfung durchgefallen ist oder damals den Schulabschluss nicht geschafft hat, erhält immer eine zweite Chance (oft auch eine dritte und vierte): Nicht bestandene Klassenarbeiten können wiederholt werden, genauso wie Prüfungen.

Den Schulabschluss kann man komplett oder in Teilen bei Komvux, der kommunalen Erwachsenenbildungseinrichtung nachmachen.

Ein guter Ansatz, der bei einigen Schülern jedoch zu chronischer Aufschieberitis führt. Für die Lehrer bedeutet es, dass sie Klassenarbeiten mehrmals „anbieten“ müssen und dass der Stress am Ende des Schuljahres steigt, weil plötzlich jede Menge Nachprüfungen anstehen.

Im schwedischen Schulsystem geht es weniger darum, die Schüler zu bewerten und zu beurteilen (und in Kategorien wie „gute/schlechte Schüler“ zu sortieren), als mehr darum, ihnen bei ihrer Entwicklung zu helfen.

Man geht davon aus, dass das Kind sein Bestes gibt, dass Probleme einen Grund haben und dass das Kind sich weiterentwickeln will. Und dass es das auch schafft, wenn es entsprechende Unterstützung erhält. Eine ganz wunderbare Grundeinstellung.

Dies gilt sowohl für die fachlichen Leistungen als auch für das Verhalten.

Schwedische Lehrerinnen und Lehrer gehen meiner Erfahrung nach sehr wertschätzend mit ihren Schützlingen um und sind darauf bedacht, niemanden bloßzustellen. Zum Beispiel können schüchterne Jugendliche Referate statt vor der ganzen Klasse vor einer kleinen Gruppe „Wohlgesinnter“ halten. Dass Kinder an der Tafel vorrechnen, ist auch eher unüblich.

Für viele Schüler sind die Lehrer und Lehrerinnen Vertrauenspersonen. In manchen Fällen wissen sie besser, wie es den Jugendlichen geht, als die eigenen Eltern.

Das bedeutet aber noch lange nicht, dass die Jugendlichen Lehrer automatisch respektieren! Wer an einer högstadieskola unterrichtet, muss zunächst mit teilweise sehr respektlosem Verhalten rechnen und sich das gute Verhältnis zu den Schülern erst erarbeiten. (Ohne richtig gute Sprachkenntnisse sollte man dieses Abenteuer möglichst nicht wagen.😁)Und bei Fehlverhalten von Seiten der Schüler haben schwedische Lehrer relativ wenig Handlungsspielraum.


Alternative Schulen und Privatschulen in Schweden

In Schweden gibt es neben den kommunalen/staatlichen Schulen sogenannte friskolor (freie Schulen).

Friskolor sind Privatschulen, die nach dem staatlichen Lehrplan unterrichten und die aus kommunalen Steuermitteln finanziert werden, jedoch einen anderen Schulträger haben. Schulträger (Eigentümer) dieser Schulen ist entweder eine Stiftung, eine Organisation oder ein Unternehmen.

Beispiele für friskolor sind vereinzelte schwedische Waldorf- und Montessorischulen, ein paar wenige kirchliche Schulen sowie die sehr zahlreichen Schulen (ganze Schulketten), die von Aktiengesellschaften mit Gewinnabsicht betrieben werden.

Da diese friskolor über die Kommunalsteuer finanziert werden, kostet der Schulbesuch die Eltern nichts.

In die Waldorf- und Montessorischulen gehen daher in Schweden nicht nur Kinder, deren Eltern vom jeweiligen pädagogischen Konzept überzeugt sind, sondern auch viele, die einfach in der Nähe wohnen und Kinder, für die die kommunale Schule aus verschiedenen Gründen nicht passt.

Die von Aktiengesellschaften betriebenen, gewinnorientierten Privatschul-Ketten stehen immer wieder in der Kritik. Sie siedeln sich bevorzugt in wohlhabenden Gemeinden an. Und da von dem Geld, das sie von der Gemeinde erhalten, ja etwas übrigbleiben muss, gibt es dort häufig große Klassen und die Lehrer werden etwas schlechter bezahlt. Gleichzeitig versuchen sie, möglichst attraktiv zu sein, indem sie viele Schüler durch den Abschluss bringen. Mehr dazu findest du in diesem Artikel aus dem Jahr 2022 und in diesem, die noch immer aktuell sind.

Wenn Schulen eine Wohnmöglichkeit im Internat anbieten, dann ist der Schulbesuch kostenlos, die Unterbringung und Verpflegung müssen jedoch bezahlt werden.

Neben den friskolor gibt es in Schweden drei „richtige“ privatskolor, deren Besuch je nach gewähltem program mit hohen Kosten verbunden ist: Lundsbergs skola, Grennaskolan und Sigtunaskolan.


Internationale und deutsche Schulen in Schweden

In Schweden gibt es eine Reihe internationaler Schulen, davon eine deutschsprachige (Deutsche Schule Stockholm) und eine französischsprachige (Lycée français Saint-Louis de Stockholm). Beide haben einen guten Ruf.

Die restlichen internationalen Schulen sind englischsprachig. Eine Übersicht findest du hier.


Hier geht es weiter:

So funktioniert Schule in Schweden:

Teil 2: So geht es an einer schwedischen Grundschule (Klasse 1-6) und an der schwedischen Pflicht-Gesamtschule (Klasse 7-9) zu. Lies und staune. 😊

Teil 3: So geht es am schwedischen gymnasiet zu, der allgemeinen Schule für 16-19-Jährige. Und so geht es nach dem Abitur in Schweden weiter.

🙂Nichts verpassen: Melde dich zu meinem Newsletter an und du erfährst, wenn es hier etwas Neues gibt!

Weitere Artikel zu Schule in Schweden:

Dein Kind in der schwedischen Schule – So werden ausländische Kinder integriert

Unsere Klassenoma ist klasse! – Senioren an schwedischen Schulen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert