Einleitung
Hier kommt der zweite Teil meiner sehr ausführlichen Beschreibung des schwedischen Bildungssystems. (Stand 2026)
Ich beschreibe, wie es an der schwedischen Pflichtschule grundskola (Klasse 1-9) zugeht und berichte von unseren eigenen Erfahrungen.
Vieles ist richtig toll, über manches wirst du staunen oder den Kopf schütteln. 😁
Den ersten Teil, in dem wichtige Begriffe erklärt werden, findest du hier: So funktioniert Schule in Schweden, grundsätzlicher Aufbau des schwedischen Bildungssystems und grundsätzliche Werte.
In folgendem Artikel erkläre ich außerdem, wie dein Kind bei einem Umzug nach Schweden in das dortige Schulsystem integriert wird: Dein Kind in der schwedischen Schule – So werden ausländische Kinder integriert.
Ich möchte mit meinen ausführlichen und aktuellen Artikeln (2026) zum schwedischen Bildungssystem sowohl Eltern informieren, die mit ihren Kindern nach Schweden umziehen (oder die darüber nachdenken), als auch interessierte Lehrer und Schulverantwortliche inspirieren.
Man muss das Rad nicht überall neu erfinden. Wer andere Systeme mit ihren Vor- und Nachteilen tiefer kennenlernt, kann Fehler, die dort gemacht wurden, selbst vermeiden. Und die guten Ansätze kann man übernehmen und an das eigene System anpassen.
Inhalt
Nochmal kurz: Übersicht schwedisches Bildungssystem

So, jetzt geht es richtig los. Zunächst beschreibe ich das låg- und mellanstadiet (Klasse 1-6) und dann das högstadiet (Klasse 7-9).
Viel Vergnügen beim Lesen! Schreibe mir gerne von eigenen Erfahrungen in den Kommentaren.
So geht es in einer schwedischen Schule zu: Das låg- und mellanstadiet (Klasse 1-6)
Ich zähle in lockerer Reihenfolge einige Besonderheiten der schwedischen Grundschule auf. Sie sind teils allgemein gültig, teils subjektive Erfahrungen, müssen also nicht an allen Schulen so sein.
Skolavslutning oder: der letzte Tag ist der wichtigste
In Deutschland ist die Einschulung der Erstklässler eine große Sache. Die Eltern nehmen Urlaub, die Großeltern sind anwesend, es gibt eine Schultüte und zu Hause wird vielleicht noch gefeiert, dass nun „der Ernst des Lebens“ beginnt.
In Schweden verläuft die Einschulung der Schulanfänger völlig unspektakulär, es gibt nicht mal ein eigenes Wort dafür.
Gegen Ende der Sommerferien fangen die Kinder nach und nach in der angegliederten Betreuung (fritids) an, je nachdem, wann die Eltern nach dem Urlaub wieder arbeiten.
Am ersten „richtigen“ Schultag gibt es dann vielleicht ein Eis und es werden Spiele auf dem Schulhof veranstaltet. Von einer großen Eröffnungsfeier mit den Eltern habe ich noch nie gehört.
Stattdessen ist der letzte Tag eines Schuljahres, die sogenannte skolavslutning, heilig. Hier sollte man sich frühzeitig erkundigen, wann die stattfindet, und den Tag frei nehmen. Das machen alle schwedischen Eltern so und man will nicht, dass das eigene Kind einsam und weinend in der Menge steht.
Am Tag der skolavslutning ist kein Unterricht. Stattdessen treffen sich Schüler, Eltern und Lehrer in sommerlichen Outfits auf dem Schulhof oder in der Kirche (die in diesem Fall keine religiöse Rolle spielt, sondern nur als großes Versammlungslokal dient).
Die Klassen treten nacheinander auf und trällern Sommerlieder, die Sechstklässler werden verabschiedet und zum Schluss singen alle gemeinsam Den blomstertid nu kommer, genau wie im Bullerbü-Film. (Hier kannst du schon mal üben.)
Im Anschluss erhalten die Klassenlehrer/innen von den Klasseneltern einen Blumenstrauß und man macht noch ein paar Erinnerungsfotos.
Dann geht man nach Hause, isst Eis oder Erdbeerkuchen und weiß: Nu är det SOMMARLOV!
Regenkleidung und viel frische Luft
In schwedischen Schulen sind die Kinder (zumindest die jüngeren) viel draußen. Dass Schüler in anderen Ländern bei Regen in der Pause im Schulhaus bleiben, ist für Schweden unverständlich. Wozu gibt es denn Regenkleidung und Gummistiefel? Und Pfützen sind doch etwas Lustiges!

Und nicht nur in der Pause ist man draußen. Es gibt immer wieder Ausflüge, wo die Lehrer mit ihrer Kinderschar und dem Bollerwagen in den Wald ziehen, um dort Insekten zu beobachten oder Abenteuer zu erleben.
Entsprechend muss man seine Kinder mit Regenjacke, Regenhose, Gummistiefeln und Ersatzkleidung ausrüsten, die im Flur vor dem Klassenzimmer aufbewahrt werden. Dort gibt es oft auch einen Trockenschrank, in dem nasse Kleidung aufgehängt wird.
Fritids, die außerunterrichtliche Betreuung
Kinder, die vor oder nach dem Unterricht betreut werden müssen, sind in dieser Zeit im fritidshem, kurz fritids, das der Schule angegliedert ist. Wer früh kommt, erhält hier auch Frühstück, nachmittags gibt es eine Zwischenmahlzeit.
Einen Platz erhalten Eltern, die berufstätig, arbeitssuchend oder in Ausbildung sind.
Die Kosten richten sich (wie auch im Kindergarten) nach dem Einkommen der Eltern, die Betreuungszeiten rein nach ihren Arbeitszeiten (plus Wege).
Jemand, der wenig verdient aber viel arbeitet, zahlt also wenig und bekommt viel Betreuungszeit. Für Alleinerziehende ist das eine große Hilfe.
Die entsprechenden Zeiten, die auch von Woche zu Woche variieren können, gibt man üblicherweise online ein. Bei Verdacht auf Ausnutzung des Systems kann die Schule beim Arbeitgeber nachfragen.
Im fritids wird altersgemischt gespielt und gebastelt, mit Lego gebaut oder getanzt, Fußball oder Tischtennis gespielt usw. Bei Schulausflügen geht oft jemand aus dem fritids als Begleitperson mit, auch auf dem Pausenhof ist fritidspersonal mit dabei.
Weniger Hausaufgaben und begrenzter Einblick der Eltern
In den ersten Klassen war ich erstaunt, dass unsere Kinder so wenig schriftliche Hausaufgaben hatten.
Als Eltern sollten wir mit den Kindern regelmäßig lesen üben. Zunächst das jeweilige Kapitel im Lesebuch, später ein kleines Stück in einem für das Kind passenden Büchlein. Das Einmaleins wurde mit einem Würfelspiel oder mit Spielkarten geübt. Wörter schreiben oder schriftliches Rechnen hatten wir als Hausaufgabe eher selten.
An vielen Schulen sind inzwischen „Wochenhausaufgaben“ üblich: Man soll täglich Lesen üben, außerdem gibt es ein Blatt mit schriftlichen Aufgaben, für die man eine Woche Zeit hat.
In den höheren Klassen gab es bei unseren Kindern kaum klassische Mathe-Hausaufgaben aus dem Lehrbuch oder schriftliche Englisch-Übungen. Schriftliches wurde in der Schule erledigt. Nahmen wir zumindest an.
Dadurch, dass Hefte und Bücher in der Schule bleiben und auch Klassenarbeiten nach der Korrektur nicht zur Einsicht mit nach Hause gegeben werden, hat man als Eltern nämlich nur sehr begrenzt Einblick in das, was das Kind in der Schule tatsächlich so macht.
In den höheren Klassen erfährt man, wie es „läuft“ (wenn es das Kind nicht selbst erzählt) erst über die Beurteilungen, die die Fachlehrer zwei bis dreimal pro Jahr ins digitale Mitteilungssystem legen, oder über das utvecklingssamtal.
Ausflüge in die Bibliothek
Was mir sehr, sehr gut gefallen hat:
Als die Schüler einigermaßen lesen konnten, wanderte die ganze Mannschaft einmal im Monat in die Bibliothek. Dort stellte die Bibliothekarin ein paar interessante Bücher vor, dann durften alle eine Weile herumstöbern und am Ende musste jeder 3 selbst gewählte Bücher ausleihen.

Jeden Morgen bestand die erste Viertelstunde des Schultages dann aus „selbständigem Lesen“ dieser Bücher.
Die einen lasen dabei dünne Comics, die anderen dicke Schmöker. Jeder nach seinem Vermögen und Interesse. Wer mit einem Buch fertig war, füllte das Buchtagebuch aus: Titel und Autor des Buches? Was hat mir gefallen/nicht gefallen? Male eine Szene aus dem Buch.
Auch in höheren Klassen ist es üblich, dass im Schwedisch- oder Englischunterricht mal eine Stunde lang „nur“ alle dasitzen und das aktuelle Buch lesen. (Viele Schüler tun dies nämlich sonst überhaupt nicht.)
Unterrichtsfächer in den unteren Klassen
Neben Schwedisch, Mathematik und Englisch haben die Schüler Kunst, Sport, Musik, NO (Naturkunde), SO (Gesellschaftskunde) und Werken.
Englisch wird zunächst sehr spielerisch unterrichtet, recht bald werden jedoch schon kleine Büchlein gelesen und kurze Filme geschaut. Die Sprache wird eher ganzheitlich gelernt, d. h. es geht eher darum, das Englische „aufzuschnappen“ und sich daran zu gewöhnen. Explizit Vokabeln geübt oder Grammatik erklärt wird seltener, als ich es aus Deutschland kenne.
Das funktioniert für viele Schüler recht gut, auch, weil sie im Internet und im Fernsehen – wo Filme nicht synchronisiert, sondern untertitelt sind – vom Englischen regelrecht „umspült“ werden.
In Gesellschaftskunde geht es nicht nur um Themen wie „die Arbeit der Feuerwehr“ oder „Leben in der Steinzeit“, sondern sehr früh auch um Menschenrechte, Kinderrechte, Mitbestimmung und Engagement.
Sport heißt als Unterrichtsfach idrott och hälsa, also Sport und Gesundheit. Hier geht es auch um gesunde Ernährung, Schlaf, Stress usw.
Ein wichtiger Teil des Sportunterrichts ist Schwimmen. Ans Wasser ist es in Schweden nie weit, viele verbringen ihre Freizeit an den zahlreichen Seen oder an der Küste. Dass alle früh und gut schwimmen können, ist also wichtig.
Die meisten Kinder besuchen im Alter von ca. 4-6 Jahren einen Schwimmkurs (simskola), offiziell trägt jedoch die Schule die Verantwortung dafür, dass alle Kinder schwimmen lernen und Rettungssituationen am und im Wasser üben.
Übrigens: schwimmen heißt simma. Ohne „w“. Das Wort swimma gibt es auch, das heißt aber ohnmächtig werden. 😊
Welche Schulfächer deutschsprachigen Schülern bei einem Umzug nach Schweden eher leicht/schwer fallen, beschreibe ich hier: Dein Kind in der schwedischen Schule – So werden ausländische Kinder integriert.
Kosten für die Eltern
In Schweden gilt das Prinzip, dass Schule die Familien nichts kosten darf. Bildung soll für alle unabhängig vom Einkommen verfügbar sein.
Neben dem reinen Schulbesuch ist daher auch das tägliche warme Mittagessen für alle Schüler kostenfrei (d. h. steuerfinanziert, dies ist nur in Schweden und Finnland so).
Die Schulen haben eine Kantine, in der sich die Schüler an der Essensausgabe üblicherweise selbst „schöpfen“. Nebendran gibt es meist noch eine Knäckebrot-und-Butter-Station und Getränkespender, aus denen man Wasser oder Milch zapft. Kalte Milch ist auch unter Erwachsenen als Getränk zum Essen nicht unüblich.
Und nicht nur die Schulbücher werden von der Schule ausgeliehen, auch sonstiges Arbeitsmaterial stellt die Schule zur Verfügung, so lange die Kinder schulpflichtig sind.
Wenn man schwedischen Freunden die langen Anschaffungslisten zeigt, die von Schulen in anderen Ländern zu Beginn des Schuljahres ausgegeben werden, machen sie große Augen!

In schwedischen Schulen funktioniert das so:
Buntstifte, Scheren, Lineale usw. gibt es in einer Box im Klassenzimmer, genauso wie später kleine Taschenrechner. Dazu erhält jedes Kind einen eigenen Druckbleistift und ein Radiergummi. Ein Schreibheft/einen Collegeblock bekommt man vom jeweiligen Fachlehrer.
In Schweden schreiben die Schüler also nicht mit dem Füller, sondern mit dem Bleistift. (Wenn sie denn überhaupt von Hand schreiben und nicht am Laptop sitzen. Ich habe vereinzelt 16-Jährige erlebt, die kaum einen Stift halten konnten.)
Das ist kostengünstig, erfordert jedoch mehr Druck als das Schreiben mit Tinte und die graue Schrift ist auf weißem Papier nicht unbedingt leicht lesbar. In den höheren Klassen kamen in den letzten Jahren daher radierbare Patronenschreiber einer japanischen Marke in Mode, die sich die Schüler selbst kaufen. (Die sind auf Dauer teurer als ein Füller, weil die Patronen so teuer sind. Mein deutscher Füller wird von meinen Schülern regelmäßig bestaunt.)
Einen Schulranzen wie in Deutschland üblich gibt es in Schweden nicht. Die Kindern verwenden einen normalen Rucksack (mit Laptop-Fach), der in unserer Gemeinde auch von der Schule gestellt wird. Bücher und Hefte bleiben eh meist in der Schule.
Zu guter Letzt ist auch die Fahrt mit dem Schulbus in die nächstgelegene Schule für schulpflichtige Schüler kostenlos, wenn sie weit genug von dieser Schule entfernt wohnen. Das Einzugsgebiet ist auf dem Land manchmal sehr groß.
Elternabende und „Entwicklungsgespräche“
Elternabende werden meist einmal pro Halbjahr abgehalten, dabei sind nur die Klassenlehrer anwesend, manchmal kommen die Schulkrankenschwester oder ein specialpedagog vorbei. Dass sich Fachlehrer vorstellen, ist eher unüblich.
In den letzten Jahren wurde an „unseren“ Schulen der Elternabend im zweiten Halbjahr per Videokonferenz abgehalten, was praktisch ist, da die Familien in Schweden sehr weit verstreut wohnen können.
Einen Elternbeirat gibt es nur an wenigen Schulen, man muss also keine Angst haben, zum Elternvertreter gewählt zu werden. 😊
(Oft gibt es jedoch eine gute Seele, die gegen Ende des Schuljahres ein paar Kronen von allen einsammelt und den Blumenstrauß besorgt, den die Klassenlehrerin/der Klassenlehrer an der großen Abschlussfeier erhält.)
Jedes Halbjahr hat man außerdem ein utvecklingssamtal = Entwicklungsgespräch.
Anwesend sind: das Kind, der/die Klassenlehrer/in und mindestens ein Elternteil.
Dabei geht es zunächst um die allgemeine Befindlichkeit des Kindes:
Fühlt es sich in der Schule wohl, hat es Freunde, wie erlebt es die Klassengemeinschaft, kommt es mit den Lehrern klar, hat es Stress/Angst, gibt es in der Familie Veränderungen?
Dann geht man die einzelnen Fächer kurz durch: Wo läuft es gut, wo gibt es Probleme, wie kann man dem Kind helfen?
Am Ende wird ein „Entwicklungsziel“ für das kommende Halbjahr aufgeschrieben.
Ledighetsansökan – der Antrag auf „schulfrei“
Auf einem meiner ersten Elternabende meinte die Klassenlehrerin so nebenher, das Formular für ledighetsansökan könne man bei ihr bekommen.
Ich verstand zwar ledig = frei und ansökan = Antrag, fragte aber zur Sicherheit hinterher nach, was sie damit meinte. Konnten die Schüler tatsächlich frei nehmen?
Es stellte sich heraus, dass Schüler für private Angelegenheiten „Urlaub“ beantragen konnten. Und zwar nicht nur für Dinge wie die Teilnahme an Hochzeiten, Beerdigungen oder Sportwettkämpfen. Nein, auch Urlaubsreisen nach Thailand wurden genehmigt. Argument: Die sind ja außerhalb der Schulferien billiger, manche Familien könnten sich das sonst nicht leisten.
Für die Familien war das natürlich praktisch, für die Lehrer aber sehr nervig, wenn immer wieder Schüler fehlten, weil sie irgendwo am Strand lagen. (Oder weil sie einen Welpen bekommen hatten, der sich jetzt eine Woche lang an sie gewöhnen musste! Das habe ich in meinem ersten Jahr als Lehrerin erlebt. 😁)
Inzwischen sind die Schulen bei der Genehmigung der Anträge restriktiver. Bevor man das Formular erhält, wird man nun deutlich an die Schulpflicht erinnert und darauf hingewiesen, dass die Schüler wichtigen Stoff verpassen und man sich das mit einer längeren Abwesenheit doch gut überlegen sollte.
Ob eine mehrtägige Beurlaubung genehmigt wird, liegt letztendlich im Ermessen der Schulleitung. Dass die einzelnen Schulen dabei mehr oder weniger streng sind, gibt regelmäßig Anlass zu heißen Diskussionen.
Viele Familien fahren übrigens trotz abgelehntem Antrag in Urlaub. Rechtliche Folgen hat das selten, manche Gemeinden verhängen eine Geldstrafe.
Noten und nationella prov
Noten gibt es in der schwedischen Schule ab der sechsten Klasse.
A ist die Bestnote, dann geht es weiter mit B, C, D und E (bestanden). F ist nicht bestanden.
Als ich 2011 hier als Lehrerin anfing, gab es Noten erst ab der achten Klasse und ich weiß noch gut, wie besorgt Eltern und Lehrer bei Einführung der Neuerung waren: Würden die Sechstklässler diesen Druck verkraften?
Außerdem gab es damals nur vier Noten: Sehr gut bestanden, gut bestanden, bestanden und nicht bestanden (mvg, vg, g und ig). Eigentlich absolut ausreichend. Jemand, der einen kleinen Tick „besser“ ist, muss doch nicht deshalb eine „zwei plus“ bekommen. Je mehr aufgedröselt die Bewertung ist, desto mehr kämpft und diskutiert man um jeden Punkt und desto mehr Leistungsdruck entsteht.
Bald sollen diese Buchstaben-Noten wieder verschwinden, stattdessen werden Zahlen-Noten von 1 bis 10 eingeführt. Überhaupt gibt es bei den Schulvorschriften relativ häufig Änderungen, die mal mehr und mal weniger durchdacht sind.
In der dritten und sechsten Klasse (und später im högstadiet und gymnasiet) werden nationella prov in den wichtigsten Fächern durchgeführt. Das sind schwedenweit einheitliche Tests, mit denen überprüft wird, ob die Schüler die Lehrplanziele erreicht haben.
Bei den jüngeren Schülern dienen sie hauptsächlich dazu, Förderbedarf sichtbar zu machen und den Lehrern Feedback zu ihrem Unterricht zu geben.
Einen Einfluss auf die weitere Schullaufbahn haben die nationella prov und die Noten in der sechsten Klasse nicht, da eh alle Schüler anschließend die Gesamtschule högstadiet besuchen.
Hier entfällt also sehr viel Leistungsdruck, den ich aus Deutschland kenne, wo Viertklässler mit Nachhilfe aufs Gymnasium gepusht werden.
Auch später erlebe ich in Schweden viel weniger Druck. Die Schüler klagen in den höheren Klassen zwar häufig über Stress, der entsteht aber oft durch ungeschickte Organisation (von Seiten der Schüler, die den Überblick verlieren und Aufgaben aufschieben, und von Seiten der Schule, die Aufschieberei begünstigt). Schwedische Eltern machen im Vergleich eher wenig Leistungsdruck, viele sind zufrieden, wenn die Kinder kein F bekommen.
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So funktioniert die schwedische Pflicht-Gesamtschule högstadiet (Klasse 7-9)
Im oft zentral gelegenen högstadiet (Klasse 7-9) kommen Schüler verschiedener Låg– und Mellanstadieschulen zusammen und werden zu neuen Klassen vermischt.
Eine Schule für alle
Eine Einteilung in verschiedene Leistungsstufen erfolgt bewusst nicht, für die Binnendifferenzierung sollen die einzelnen Lehrer innerhalb ihrer Unterrichtsstunden sorgen. (Das ist also ein wichtiger Unterschied zu deutschen Gesamtschulen, in denen es in bestimmten Fächern Niveaugruppen gibt.)
Einen individualisierten Unterricht, in dem die Schüler im eigenen Tempo statt im „Gleichschritt“ arbeiten, halte ich grundsätzlich für sehr sinnvoll. Durch die Rahmenbedingungen in den schwedischen Schulen ist dies in manchen Fächern in der Praxis jedoch kaum umzusetzen.
Die extreme Streubreite in einer Klasse stellt die Unterrichtenden in Fächern, in denen die Unterrichtsinhalte stark aufeinander aufbauen und in denen (vor allem schwache) Schüler nicht über längere Strecken selbständig arbeiten können, vor riesige Herausforderungen. Dies betrifft die Fremdsprachen und das Fach Mathematik.
Die Streubreite wird noch dadurch verschärft, dass man in Schweden nicht sitzenbleibt (weshalb immer wieder Kinder in der Klasse sind, die eigentlich gar keine Chance haben, den aktuellen Stoff zu verstehen) und dass man schon recht häufig schwänzen muss, bevor das Konsequenzen hat. Die zahlreichen Wissenslücken bei großen Klassen individuell „aufzufangen“ und gleichzeitig den normalen Stoff zu unterrichten (und starke Schüler herauszufordern) ist fast unmöglich.
Das Risiko ist hoch, dass einige Schüler in diesen Fächern komplett überfordert sind, während sich andere stark langweilen. Beide Gruppen können sich dann wegträumen bzw. im Handy „verschwinden“ oder den Unterricht stören. Und bei beiden Gruppen steigt das Risiko für Absentismus. Die Zahl der jugendlichen hemmasittare („Zuhausesitzer“= Schulverweigerer) ist in Schweden leider hoch.
Im Prinzip finde ich den Gedanken einer gemeinsamen Schule sehr gut. Die Kinder finden so auch Freunde, die sie in leistungsgetrennten Schulwelten nie kennengelernt hätten. Damit trägt Schule zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei.
Gerade in den Fächern Mathematik und Englisch würde ich mir allerdings die Bildung von Niveaugruppen wünschen, um bei allen Beteiligten den Frust zu reduzieren.
Die Unterrichtsfächer im högstadiet
Die Schüler haben folgende Fächer:
- Schwedisch, Englisch, Mathematik (Hauptfächer)
- SO: im Wechsel Geschichte, Gemeinschaftskunde, Religion und Geografie
- NO: im Wechsel Physik, Chemie und Biologie
- Technik, Kunst, Musik, Werken, Hauswirtschaft, Sport
- zweite Fremdsprache: Spanisch, Deutsch oder Französisch. Bei großen Schwierigkeiten in Englisch kann stattdessen die Englischfördergruppe besucht werden.
Religion wird in Schweden nicht konfessionell (und damit nicht von Vertretern der Kirche) unterrichtet, sondern als „normales“ Schulfach, in dem es um folgende Fragen geht: Was ist Religion? Welche Bedeutung hat Religion für Menschen? Welche großen Religionen gibt es? Was kennzeichnet sie? Welche Gemeinsamkeiten und welche Unterschiede gibt es?
Der Schultag im högstadiet
Der Schultag beginnt meist gegen 8 Uhr und endet gegen 15 oder 16 Uhr.
Einheitliche 45-Minuten-Unterrichtsstunden und eine Klingel gibt es nicht. Die einzelnen lektioner und die Pausen sind an den meisten Schulen unterschiedlich lang. Mal 70 min Unterricht, dann 20 min Pause, mal 50 min Unterricht und 10 min Pause. Deshalb sind manche Schüler auf dem Flur unterwegs zur nächsten Stunde (meist werden auch noch die Zimmer gewechselt), während andere im Unterricht sitzen. Zwischen den Stunden müssen die Schüler außerdem an ihrem Spind das Material für die nächste Stunde holen. Das verlangt einiges an Überblick und raubt Schülern mit Organisationsschwierigkeiten viel Energie.
Die Pausen zwischen den Stunden sind außerdem länger, als ich das aus Deutschland gewohnt war. Das können auch mal 30 oder 40 Minuten sein, in denen man dann irgendwo im Flur oder der Cafeteria abhängt.
Dadurch wird viel Zeit in der Schule verbracht, auch wenn die reine Unterrichtszeit nicht länger ist als in der alten deutschen „Vormittagsschule“.
Für extrovertierte Schüler und solche, die zu Hause wenig mit sich anzufangen wissen, ist das gut. Für Introvertierte ist es anstrengend, dass man sich so lange nicht zurückziehen kann.
Schulkrankenschwester, Kurator und Fritidsledare
An schwedischen Schulen gibt es neben den Lehrern noch weiteres Personal.
Die Schulkrankenschwester skolsköterska (ausgesprochen ungefähr „Skuhl-schöhterska“) kümmert sich nicht nur um aufgeschlagene Knie, Impfungen und Sehtests, sondern auch ganz viel um „Bauch- oder Kopfschmerzen“, die Ausdruck für andere Probleme sind. Für viele Schüler ist sie Kummertante und Vertraute.
Genauso wie die oder der kurator, die/der sich um die psychosoziale Betreuung der Schüler kümmert, bei Fällen von Mobbing eingeschaltet wird oder Kontakt mit dem Jugendamt hält.
An den meisten Schulen gibt es außerdem noch fritidsledare. Das sind im högstadiet Sozialarbeiter, die z. B. den Schulkiosk führen, sich in den Pausen unter die Schüler mischen, im manchmal angegliederten Jugendtreffpunkt arbeiten oder sogar abends an den einschlägigen Treffpunkten unterwegs sind und nach dem Rechten sehen.
Hausaufgaben, Noten und Schulstress
Hausaufgaben
Meine Erfahrung: Schriftliche Hausaufgaben hatten meine Kinder im högstadiet selten bis nie. Ab und zu stand ein Vokabeltest an, sehr oft sollte für die nächste Klassenarbeit gelernt werden. Manchmal gab es freiwillige Übungsblätter.
Bei langen Schultagen natürlich verständlich. Gerade in Mathe oder den Fremdsprachen wäre etwas regelmäßige zusätzliche Übung neben dem reinen Unterricht aber sehr angebracht, dann wäre ein Teil des Lernens auf die Klassenarbeit im Vorfeld schon erledigt.
Viele Schüler sind mit einem schwammigen „lernt für die Arbeit“ nämlich überfordert und fangen erst gar nicht an. Regelmäßig ein paar konkrete Aufgaben, die erledigt und dann auch abgehakt werden können, wären meiner Meinung nach sinnvoller.
Das sind meine Erfahrungen als Mutter und als Lehrerin. Hast du Kinder, die eine schwedische Schule besuchen oder unterrichtest du an einer schwedischen Schule? Schreibe gerne in den Kommentaren, welche Erfahrungen du gemacht hast.
Noten: Es zählt, was du am Ende kannst
Im Moment (2026) gibt es an schwedischen Schulen die Noten A, B, C, D, E und F.
A ist die Bestnote, F ist nicht bestanden.
Für die Endnote eines Faches zählt, was der Schüler/die Schülerin am Ende des Schuljahres kann, d. h. welche Kompetenzen er oder sie insgesamt im Schuljahr erworben hat.
Wenn man die Klassenarbeit zu Gleichungen im Oktober vermasselt hat, kann man im Mai immer noch zeigen, dass man mathematische Probleme mit Hilfe von Gleichungen lösen kann.
Die Idee ist gut. Es geht nicht darum, den Schülern Noten zu „verpassen“, sondern darum, ihnen Kompetenzen zu vermitteln. Prüfungsangst kann gemildert werden, wenn man weiß, dass man noch eine weitere Chance erhält.
Bei einigen Schülern führen diese mehrfachen Chancen allerdings zu ungesunder Aufschieberitis und dazu, dass sie die Schule nicht mehr ernst nehmen. Erst ist man wiederholt „krank“, dann wird exakt dieselbe Spanischprobe dreimal geschrieben und immer noch nicht bestanden. Diesen Schülern tut man mit dem System keinen Gefallen.
Schulstress
Viele Högstadie-Schüler klagen über Stress.
Bei meinen eigenen Kindern habe ich erlebt, dass es viele Klassenarbeiten gibt und die Inhalte, die gelernt werden sollen, zum Teil wirklich umfangreich sind. Zum Beispiel in Gemeinschaftskunde oder in Chemie und Physik. Da ist etwas Planung notwendig; es reicht nicht, dass man sich am Vorabend kurz hinsetzt und lernt.
Gleichzeitig berichteten sie in anderen Fächern (Schwedisch, Englisch und Mathematik) immer wieder, dass sie mit den Unterrichtsaufgaben weit vor der Deadline fertig geworden waren.
Hier arbeiten die Schüler im Unterricht nämlich immer wieder über längere Zeit in „Eigenarbeit“. Beispiel aus dem Schwedischunterricht: Lies ein Jugendbuch, schreibe eine inhaltliche Zusammenfassung und charakterisiere die Hauptfigur. Abgabe in vier Wochen.
Stress entsteht dann häufig durch schlechte Organisation und Aufschieberei. Die Schüler verlieren den Überblick über die anstehenden Aufgaben und Termine und sitzen ermattet erst mal drei Wochen im Klassenzimmer herum und blättern ein wenig im Buch. Zwei Tage vor Abgabe bekommen sie dann Panik. (Wofür der Lehrer Verständnis hat und die Deadline verlängert.)
Ausflüge und Klassenfahrten
Da die Schule Eltern nichts kosten darf, sorgt die Schulkantine auch bei Ausflügen für das Mittagessen: Als ich mit einer achten Klasse unterwegs war, gaben sie uns einmal Grillzeug mit, ein anderes Mal kam der Hausmeister mit Bergen von Nudelsalat angefahren.
Teure Klassenfahrten wie Skilandheime gibt es an kommunalen Schulen normalerweise nicht.
Den an vielen Schulen üblichen größeren Ausflug am Ende der neunten Klasse müssen sich die Schüler selbst verdienen, zum Beispiel durch die Veranstaltung einer Disco für jüngere Schüler oder den Verkauf von Sponsoring-Produkten.
(Da wir hier keine Verwandtschaft haben, der die Kinder die Sportsocken, Kekse oder Gewürzmischungen andrehen können, haben wir die Sachen dann immer stapelweise selbst im Schrank. 😊)
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Hier geht es weiter:
Teil 3: So funktioniert das schwedische gymnasiet (Schule für 16-19-Jährige)
Weitere Artikel zu Schule in Schweden:
Teil 1: Das schwedische Bildungssystem
Dein Kind in der schwedischen Schule – So werden ausländische Kinder integriert
Unsere Klassenoma ist klasse! – Senioren an schwedischen Schulen
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