Rückblick August 2026: Inseltheater, Nordschweden und die schwedische Gelassenheit.

Nordschweden Hälsingland Hof

August in Schweden. Mit dem Schiff ins Theater und mit dem Zug nach Norden. Dazu Gedanken zu einer Medaille für tolle Eltern und zur schwedischen Gelassenheit. Viel Vergnügen beim Lesen!

Mit dem Schiff ins Theater

Der August begann mit einem besonderen Erlebnis, das für uns inzwischen eine liebgewonnene Tradition ist: dem Besuch des Sommertheaters auf einer kleinen Insel vor Karlshamn.

Das Publikum versammelt sich dazu – ausgerüstet mit Picknickkörben und Decken – am frühen Abend am Kai, dann geht es mit dem Schiff hinüber zu kastellet, der Festungsinsel vor der Stadt. Deren Hügel und alte Gemäuer dienen jeden Sommer als Theaterkulisse.

Dieses Jahr führte teatersmedjan das Stück „Odysseus“ auf. Anders als im Kinofilm ging es darum, wie der Rest der Familie mit der langen Abwesenheit des Vaters und der Ungewissheit umgeht. Wie immer richtig professionell gespielt, dazu Livemusik und gemütliches Pausen-Picknick. Dass ich über die Kinder und aus der Schule einige Mitwirkende kannte, machte es natürlich noch interessanter.

Mit dem Zug in den (relativ) hohen Norden

Kurz vor Schulbeginn reisten eines der Kinder und ich noch in den „hohen“ Norden. Das Kind wollte in einem Orchester-Lager fünf Tage Musik machen, ich gleichzeitig eine neue Gegend kennenlernen und etwas arbeiten. Workation also. 😊
Mit Bus und Zügen ging es über Alvesta, Jönköping und Norrköping nach Stockholm, von dort aus über Uppsala nach Gävle und dann nach Bollnäs.

Morgens um halb acht los, abends kurz nach sieben da. Insgesamt etwas mehr als 800 km Weg. Und da waren wir ja gerade mal knapp in der Mitte von Schweden!

Schweden Karte Bollnäs in Hälsingland

Ich bin immer wieder baff, wie „lang“ Schweden ist. Als ich vor Jahren zu einer Bekannten meinte, es sei für die Kinder halt sehr schade, dass die Großeltern gut 1000 km weit weg wohnten, meinte sie: „Meine haben es zu ihren Großeltern noch viel weiter.“ Ich dachte spontan an ein anderes Land, doch diese Großeltern wohnten in Nordschweden!

Eine Medaille für tolle Eltern?

Unterwegs im Zug und bei der Pause in Stockholm begegneten wir immer wieder sehr unterschiedlichen Eltern-„Modellen“:
Zwei Erwachsene schauten kaum vom Handy auf, als der Nachwuchs die Umgebung in Trümmer legte, und murmelten nur ein schwaches und natürlich wirkungsloses „Men Noah, så får man väl inte göra.“ (Aber Noah, das darf man doch nicht.) 🙄

Eine andere junge Frau war auf der mehrstündigen Zugfahrt mit einem super-netten aber auch super-neugierigen und aktiven Einjährigen unterwegs, den sie keine halbe Sekunde aus den Augen lassen konnte. Obwohl ihr selbst immer wieder fast die Augen zufielen, war sie unglaublich liebevoll und geduldig mit dem Kind.

Einer dritten, die gleich drei kleine Kinder umsichtig beschäftigte, haben wir dann gesagt, sie sei eine tolle Mutter, und sie hat sich unglaublich gefreut. Eigentlich sollte man kleine goldene Medaillen bei sich haben und die an solche Leute austeilen. Positives Feedback bekommt man als Eltern ja nur selten.

Unterwegs in Hälsingland

Die kleine Stadt Bollnäs liegt in der historischen Provinz Hälsingland und gehört heute zur Verwaltungsregion Gävleborgs Län. Die Lage am Fluss Ljusnan, der sich hier zu einem See erweitert, fand ich recht malerisch. Überhaupt sieht die ganze Gegend aus wie eine einzige große Spielzeugeisenbahnlandschaft (was ein langes Wort 😁). Sie ist bekannt für ihre wunderschönen historischen Bauernhöfe sowie für den Anbau von Lein und die Leinenweberei. Während die Jugendlichen probten, wollte ich mir beides ansehen.

„Bauernschlösser“ als Weltkulturerbe und Leinenweberei

Hättest du ein Zimmer wie auf dem linken Bild in einem Bauernhof erwartet? Ich nicht.

Bild links: Wikipedia (Sanna Lönngren), Bild rechts (von mir): Außenansicht eines ähnlichen, etwas weniger luxuriösen Hofes im Freilichtmuseum.

Viele Bauern der Region brachten es im 19. Jahrhundert mit einer Kombination aus Landwirtschaft, Leinanbau/Textilproduktion und Holzwirtschaft zu Reichtum und bauten sich nicht nur große, mehrstöckige Höfe, sondern richteten auch noch mit wunderschönen Wandmalereien geschmückte Festsäle und Gemächer ein. Diese wurden nur zu besonderen Gelegenheiten genutzt.
Sieben dieser historischen „Bauernschlösser“ wurden als Decorated Farmhouses of Hälsingland ins UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen.

Leider habe ich es nicht geschafft, einen solchen hälsingegård von innen anzuschauen. Einige hatten Mitte August schon zu, die anderen waren mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht wirklich zu erreichen. Daher eine Innenansicht von Wikipedia und eine Außenansicht eines etwas weniger imposanten Hofes von mir.

Genauso erging es mir mit der Leinenweberei Växbo Lin, die ich gerne besucht hätte. Sehr schade. Wenn ich irgendwann nochmal in der Gegend bin, werde ich einen zweiten Versuch starten. (Falls dich das Thema Leinen interessiert: Lokaltextil.de hat in Sachsen einen tollen Selbstversuch zum Thema Leinanbau und Leinenweberei gemacht.)

Wanderung und Gedanken zur schwedischen Mentalität im Café

Stattdessen bin ich einfach mit dem Bus ein gutes Stück aus der Stadt hinausgefahren und war auf eigene Faust in der schönen Landschaft wandern. Dass die Gegend nicht nur für die Bauernschlösser und den Lein bekannt ist, sondern auch dafür, dass es viele Braunbären gibt, ist mir zum Glück erst nach der Wanderung wieder eingefallen … 😁

Unterwegs kam ich bei einem Freilichtmuseum vorbei und einem sehr gemütlichen Café. Das Geschirr im Café stammte vom loppis (Flohmarkt) und man konnte Teller und Tasse selbst aussuchen.

Der deutsche Freund der Ordnung denkt beim Anblick dieser Tassen wahrscheinlich: „Das geht doch nicht, da bekommen ja nicht alle gleich viel fürs gleiche Geld!“
Der Schwede denkt: „Wie praktisch, da kann sich jeder die Größe aussuchen, die ihm passt (und das Design und die Haptik dazu).“
Außerdem sagte die nette Frau an der Kasse Påtår ingår, d. h. Nachschenken war inbegriffen. Damit war das dann erst recht kein Problem.

🙂Nichts verpassen: Melde dich zu meinem Newsletter an und du erfährst, wenn es hier etwas Neues gibt!

Überhaupt regen sich Schweden weniger schnell auf. Einmal habe ich mich zum Arbeiten mit dem Laptop in ein großes Café in Bollnäs gesetzt. (Total gemütlich, mit alten Möbeln und vielen Pflanzen im Extra-Gewächshaus einer Gärtnerei.)

Im Internet stand auf der Tageskarte, es gäbe XY zum Mittagessen, doch als die ersten Gäste gegen 11.30 Uhr eintrudelten, hieß es „XY ist leider aus, stattdessen gibt es ZZ“.
Viele Deutsche hätten sich da wahrscheinlich beschwert. Vor allem, da das auf der Website angegebene Tagesgericht leckerer war.

Die allermeisten Schweden sagen nur „jaha..?“ – „ach so?“ und dann essen sie halt das, was es gibt. Jemand, der da eine Szene macht und laut wird, wird als peinlich wahrgenommen. (Vereinzelte Choleriker und Rechthaber gibt es natürlich auch.)

Jaha wird mit kurzem „ja“ und langem „ha“ gesprochen.

Sind die tatsächlich so gelassen?

Gibt es in Schweden ein Problem, sagt garantiert irgendjemand „det löser sig“. Wörtlich: Das löst sich = Da wird sich schon eine Lösung finden. Nur Geduld, keine unnötige Aufregung und bloß keinen Streit. Irgendwie kriegen wir das hin.

Ich habe mich lange gefragt, ob diese Gelassenheit 100 % echt ist und ihnen Unannehmlichkeiten und kleine Ungerechtigkeiten wirklich nichts ausmachen, oder ob die Leute „die Faust in der Tasche ballen“ und sich nur nach außen nichts anmerken lassen. Weil das die soziale Konvention fordert oder weil sie selbst konfliktscheu sind. Inzwischen weiß ich, es gibt beides.

Viele finden es tatsächlich unnötige Energieverschwendung, sich über solche Dinge aufzuregen. Sie leben entspannter und haben wahrscheinlich ein geringeres Bluthochdruckrisiko. Andere sagen nichts, fühlen sich gleichzeitig aber total ungerecht behandelt. (Was den Blutdruck stark erhöht.) Und ein „det löser sig“ kommt manchmal auch von Leuten, die gerade keine Lust haben, selbst aktiv zu werden. 😉

Zurück im Alltag

Nach zwei beeindruckenden Konzerten in Bollnäs und im Gävle Konserthus (60 Jugendliche, die unter Profi-Anleitung tolle Musik machen 😍), ging es für uns wieder auf den langen Weg zurück in den Alltag.

Was ich mitnehme: Eindrücke von einer wunderschönen Landschaft, die nochmal viel weniger dicht besiedelt ist als „unser“ Süden. Und Begegnungen mit netten, engagierten Menschen (die einen weichen, sympathischen Dialekt sprechen). Irgendwann will ich da gerne nochmal hin.


Und sonst?

  • Ich hatte eine Schwedisch-Online-Schnupperstunde mit einer supernetten Teilnehmerin. Hat sehr großen Spaß gemacht, danke, Nicole!
  • Eigentlich will ich mein Herbst-Angebot an Sprachkursen endlich konkretisieren. Da bei meiner eigenen Fortbildung in Malmö ab Ende September der Wochentag immer noch nicht feststeht („Wir wissen es leider noch nicht, aber det löser sig.“ 😉), hänge ich planerisch gerade etwas in der Luft.
    Update: Nun steht die Fortbildung und ich habe mögliche Termine für die Kurse veröffentlicht!
  • Ich bastele weiter an meiner Website. Muss endlich Artikel zum Sprachenlernen überhaupt und meiner Art der Didaktik schreiben. Und auch kurze, niederschwellige (und günstige) Schwedisch-Angebote kreieren. Ein paar Ideen habe ich schon. Falls du selbst Ideen oder Wünsche hast, melde dich gerne!
  • Jeden Freitag gibt es nun auf der Startseite mal den schwedischen Spruch der Woche mal das Verwechselwort der Woche mit Aussprache und Erklärung. In der Zimtschneckenpost bekommst du dann regelmäßig eine kurze Zusammenstellung.

P.S.: Ein Ärgernis, das ich vergessen hatte und nun ergänze:

Vor ein paar Jahren habe ich „aus Versehen“ ein Kochbuch mit schwedischen Rezepten geschrieben (eine Rezeptsammlung für Freunde ist in ein Nerd-Projekt ausgeartet … 😉).
Als ich nun danach gegoogelt habe, kam als erstes eine Buchkauf-Plattform mit einem unglaublich übertriebenen Werbetext, der inhaltlich teilweise falsch und stilistisch grottenschlecht ist. Das Ganze liest sich, als hätte ein Praktikant aus der 8. Klasse einen KI-Text nochmal ordentlich aufgepeppt. Da ich nicht will, dass jemand auf die Idee kommt, das peinliche Geschreibsel sei von mir, wollte ich die Verantwortlichen anschreiben und sie bitten, das Buch einfach aus der Datenbank zu streichen.
Siehe da: unter Kontakt gibt es sogar eine eigene Rubrik „Titel sperren/ausblenden“ und dann steht da dabei, eine Sperrung sei nur möglich gegen Zahlung einer Spende von 10 €! 🤔
Unglaublich. Ich habe jetzt mal eine Mail geschrieben und werde im nächsten Rückblick berichten, wie das ausgegangen ist.

🙂Nichts verpassen: Melde dich zu meinem Newsletter an und du erfährst, wenn es hier etwas Neues gibt!


Ich wünsche dir einen wunderschönen September!


Wer schreibt hier?

Schwedisch-Unterricht online in kleinen Gruppen.

Christina ist Sprachlehrerin und Übersetzerin (sv-de, fr-de), Mitglied im schwedischen Fachübersetzerverband und Didaktik-Fan.

Auf einfachschwedisch.de erklärt sie die schwedische Sprache und teilt die leckersten Rezepte aus dem Land der Elche.

Außerdem bietet sie Schwedisch-Onlinekurse an: live von Mensch zu Mensch, mit Spaß, klarer Struktur und deutlichen Fortschritten.

Hier erfährst du mehr über Christina und hier geht es zu ihren Sprachkursen.

Die neuesten Artikel


Kommentare

4 Kommentare zu „Rückblick August 2026: Inseltheater, Nordschweden und die schwedische Gelassenheit.“

  1. Liebe Christina,

    das hört sich nach einem herrlich bunten August an. So viele schöne Eindrücke. Die Bauernschlösser sind ja krass. Das habe ich bisher noch nicht gesehen. Schade, dass du sie nicht auch von innen sehen konntest.

    Das löst sich. Finde ich smart. So herrlich unaufgeregt. 🙂 Das erinnert mich an einen kleinen Unfall mit dem Auto, morgens auf dem Weg zur Arbeit, nur Blechschaden und ich rief im Büro an: „sorry, wird später hatte einen kleinen Unfall.“ Meine Kollegin: „Wie kannst du da so ruhig bleiben.“ Ich: „Wozu aufregen, ist eh nicht mehr zu ändern.“ 😉

    Liebe Grüße und hab einen schönen, bunten September.
    Heidrun

    1. Hallo Heidrun,
      ja, die Bauernschlösser sind wirklich erstaunlich. Vor allem, wenn man daran denkt, dass ab der Mitte des 19. Jahrhunderts über eine Million Schweden in die USA ausgewandert sind, viele davon aus wirtschaftlicher Not. Die Bauern aus Hälsingland waren mit ihrer Diversifizierung da wirklich schlau.

      Ich wünsche dir auch einen herrlichen September!
      /Christina

  2. Liebe Christina

    Ich habe deinen Monatsrückblick mit Freude gelesen. Er ist sehr kurzweilig und es hat mir Spass gemacht wieder einmal etwas in die schwedische Kultur einzutauchen. Ich war erst einmal in Schweden und es hat mir sehr gut gefallen. Wenn die lange Fahrt nicht wäre, würde ich definitiv öfters dahinfahren.

    Insgesamt habe ich die Schweden als ein sehr entspanntes Volk erlebt. Etwas was mir entspricht und deshalb auch sehr gut gefallen hat. Ich finde wir können uns von jeder Kultur etwas mitnehmen.
    «det löser sig» nehm ich gerne mit in mein Repertoire der entspannten Leitsätze.

    Liebe Grüsse
    Nicole

    1. Hallo Nicole,

      freut mich, dass dir der Rückblick gefällt. Ja, die Schweden sind insgesamt ein wenig entspannter. „Det löser sig“ wird übrigens „De löser sej“ gesprochen, das habe ich im Artikel vergessen zu erwähnen.

      /Christina

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert