Einleitung
Hier kommt der dritte Teil meiner Artikelreihe zum schwedischen Bildungssystem:
Eine ausführliche Beschreibung der schwedischen högstadieskola (Klasse 7-9), mit meinen eigenen Erfahrungen als Mutter und Lehrerin. Lies und staune, wie es in der schwedischen Schule zugeht! 😉
Die komplette Beitragsreihe zur schwedischen Schule bei einfachschwedisch.de:
Teil 1: Übersicht schwedisches Bildungssystem, Aufbau und Werte
Teil 2: Die låg- och mellanstadieskola (Klasse 1-6)
Teil 3: Die högstadieskola (Klasse 7-9)
Teil 4: Das gymnasiet (gymn. Oberstufe und Berufsschule)
Teil 5: Dein Kind in der schwedischen Schule – So werden ausländische Kinder integriert
Inhalt
Schaubild: Übersicht schwedisches Schulsystem

So, jetzt geht es los! 😊
So funktioniert die schwedische Gesamtschule högstadiet (Klasse 7-9)
In Schweden wechseln alle Kinder nach der sechsten Klasse an die högstadieskola. Diese Gesamtschule umfasst die Klassen 7-9, danach ist die Pflichtschulzeit abgeschlossen.
In den oft zentral gelegenen Schulen kommen Schüler verschiedener Låg– und Mellanstadieschulen (Klasse 1-6) zusammen und werden zu neuen Klassen vermischt.
Ich nehme dich jetzt einfach mal mit …
Der Schultag im högstadiet
Der Schultag beginnt meist gegen 8 Uhr und endet gegen 15, selten auch gegen 16 Uhr. In den Schultag integriert ist das kostenlose (= steuerfinanzierte) warme Mittagessen für alle.
Einheitliche 45-Minuten-Unterrichtsstunden und eine Klingel gibt es nicht. Die einzelnen lektioner und die Pausen sind nicht immer gleich lang. Mal 70 min Unterricht, dann 20 min Pause, mal 50 min Unterricht und 10 min Pause. Deshalb sind manche Klassen auf dem Flur unterwegs zur nächsten Stunde (meist werden auch noch die Zimmer gewechselt), während andere im Unterricht sitzen. Zwischen den Stunden müssen die Schüler außerdem an ihrem Spind das Material für die nächste Stunde holen.
All dies verlangt einiges an Überblick (und raubt Schülern mit Organisations- oder Konzentrationsschwierigkeiten viel Energie).
Wenn ich von 45-Minuten-Lektionen in Deutschland berichte, sind schwedische Lehrer immer erstaunt. 😊
Die Pausen zwischen den Stunden sind außerdem länger, als ich das aus Deutschland gewohnt war. Das können auch mal 30 oder 40 Minuten sein, in denen man dann irgendwo im Flur oder der Cafeteria abhängt.
Dadurch verbringen die Jugendlichen viel Zeit in der Schule, auch wenn die reine Unterrichtszeit nicht länger ist als in der alten deutschen „Vormittagsschule“.
Für extrovertierte Schüler und solche, die zu Hause wenig mit sich anzufangen wissen, ist das gut. Für Introvertierte kann es anstrengend sein, dass man sich so lange nicht zurückziehen kann.
Die Unterrichtsfächer im högstadiet
Diese Fächer haben die Schüler:
- Schwedisch, Englisch, Mathematik (Hauptfächer)
- SO: im Wechsel Geschichte, Gemeinschaftskunde, Religion und Geografie
- NO: im Wechsel Physik, Chemie und Biologie
- Technik, Kunst, Musik, Werken, Hauswirtschaft, Sport
- zweite Fremdsprache: Spanisch, Deutsch oder Französisch. Bei großen Schwierigkeiten in Englisch kann stattdessen die Englischfördergruppe besucht werden.
Religion wird in Schweden nicht konfessionell (und damit nicht von Vertretern der Kirche) unterrichtet, sondern als „normales“ Schulfach, in dem es um folgende Fragen geht: Was ist Religion? Welche Bedeutung hat Religion für Menschen? Welche großen Religionen gibt es? Was kennzeichnet sie? Welche Gemeinsamkeiten und welche Unterschiede gibt es?
>> Hier erkläre ich dir, ob es schwierig ist, Schwedisch zu lernen, oder total einfach.
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Eine Schule für alle: keine Aufteilung nach Leistung
Im högstadiet werden alle gemeinsam unterrichtet. Eine Einteilung in verschiedene Leistungsgruppen erfolgt bewusst nicht.
Für die Binnendifferenzierung sollen die einzelnen Lehrer innerhalb ihrer Unterrichtsstunden sorgen. (Das ist also ein deutlicher Unterschied zu deutschen Gesamtschulen, in denen es in manchen Fächern Niveaugruppen gibt.)
Die Idee dahinter: Jeder soll auf seinem Niveau arbeiten können, ohne dass dabei öffentlich sichtbar gemacht wird, welches die starken/schwächeren Schüler sind.
Eigentlich ein guter Ansatz, durch die Rahmenbedingungen in den schwedischen Schulen ist dies allerdings in der Praxis in manchen Fächern nur schwer umsetzbar.
Hinweis: Der folgende Absatz ist für dich vor allem dann interessant, wenn dein Kind zu den sehr schwachen oder sehr starken Schülern zählt.
Welche Fächer das betrifft? – Mathe und die Fremdsprachen.
Warum? – In diesen Fächern bauen die einzelnen Inhalte sehr stark aufeinander auf.
Wer in Geografie das Kapitel „Steigungsregen“ nicht verstanden hat, kann trotzdem beim nächsten Thema eine gute Klassenarbeit schreiben. Wer in Mathe weder negative Zahlen noch Punkt-vor-Strich kann (oder keine grundlegenden Vokabeln in Englisch), wird bei allen folgenden Themen Schwierigkeiten bekommen.
Binnendifferenzierung setzt oft voraus, dass die Schüler eine Weile relativ selbständig an (unterschiedlichen) Aufgaben arbeiten können. In Englisch und vor allem in Mathe bremsen Wissenslücken, die sich im Lauf der ersten Jahre angesammelt haben, jedoch stark und viele Kinder bleiben dauernd irgendwo hängen. Sie brauchen eine kleinschrittige Betreuung, die sie dann leider aus Zeitgründen nicht bekommen.
Die große Streubreite in den Klassen wird noch dadurch verschärft, dass man in Schweden nicht sitzenbleibt (weshalb immer wieder Kinder in der Klasse sind, die eigentlich gar keine Chance haben, den aktuellen Stoff zu verstehen) und dass man schon recht häufig schwänzen muss, bevor das Konsequenzen hat.
Sitzenbleiben ist für Jugendliche richtig schlimm. Das möchte man ihnen in Schweden ersparen. Das Nicht-Sitzenbleiben-Prinzip führt hier aber manchmal dazu (so mein ganz subjektiver, ganz leiser Verdacht), dass weder Schüler noch Lehrer (noch Eltern) wirklich alles geben, um den Stoff zu bewältigen. Die Schüler werden dann einfach „weitergereicht“.
Die zahlreichen Wissenslücken bei großen Klassen alle individuell aufzufangen und gleichzeitig den normalen Stoff zu unterrichten (und starke Schüler auch noch zu fördern), ist in diesen Fächern für die Unterrichtenden eine Mega-Herausforderung.
Das Risiko ist hoch, dass einige Schüler komplett überfordert sind, während sich andere stark langweilen.
Bei beiden Gruppen steigt dann leider auch das Risiko für Absentismus. Der ist in Schweden leider hoch.
>> Meine Meinung:
Das Prinzip einer gemeinsamen Schule finde ich sehr gut. Die Kinder finden so auch Freunde, die sie in leistungsgetrennten Schulwelten nie kennengelernt hätten. Damit trägt Schule zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei.
In Mathematik (und vielleicht auch Englisch) würde ich mir allerdings die Bildung von Niveaugruppen wünschen, um bei sämtlichen Beteiligten den Frust zu reduzieren.
Schulkrankenschwester, specialpedagog, kurator und fritidsledare
An schwedischen Schulen gibt es neben den Lehrern noch weiteres Personal.
Die Schulkrankenschwester skolsköterska (ausgesprochen ungefähr „Skuhl-schöhterschka“) kümmert sich nicht nur um aufgeschlagene Knie, Impfungen und Sehtests, sondern auch ganz viel um „Bauch- oder Kopfschmerzen“, die Ausdruck für andere Probleme sind. Für viele Schüler ist sie Kummertante und Vertraute.

Genauso wie die oder der kurator, die/der sich um die psychosoziale Betreuung der Schüler kümmert (z. B. bei Trennung der Eltern, Ängsten…), auch bei Fällen von Mobbing eingeschaltet wird oder gegebenenfalls Kontakt mit dem Jugendamt hält.
Schwedische Schüler haben also mehrere Ansprechpartner (die nicht Lehrer sind und keine Noten geben) zur Verfügung, wenn es ihnen nicht gut geht.
Schulkrankenschwester, Kurator und specialpedagoger (Lehrer mit Zusatzausbildung, die Schüler mit Lernschwierigkeiten betreuen, siehe Teil 1 der Artikelserie) bilden zusammen mit der Schulleitung das elevhälsoteam (Schülergesundheitsteam), das im Blick hat, wie es den Jugendlichen geht, und bei Bedarf Maßnahmen einleitet.
An den meisten Schulen gibt es außerdem noch fritidsledare. Das sind im högstadiet Sozialarbeiter, die z. B. den Schulkiosk führen, sich in den Pausen unter die Schüler mischen, im manchmal angegliederten Jugendtreff arbeiten oder sogar abends an den einschlägigen Treffpunkten unterwegs sind und nach dem Rechten sehen.
Hausaufgaben, Noten und Schulstress
Hausaufgaben
Meine Erfahrung: Schriftliche Hausaufgaben hatten meine Kinder im högstadiet selten bis nie. Ab und zu stand ein Vokabeltest an, sehr oft sollte für die nächste Klassenarbeit gelernt werden. Manchmal gab es freiwillige Übungsblätter.
Bei langen Schultagen natürlich verständlich. Gerade in Mathe oder den Fremdsprachen wäre etwas regelmäßige Übung neben dem reinen Unterricht aber sehr angebracht, dann wäre ein Teil des Lernens auf die Klassenarbeit im Vorfeld schon erledigt.
Viele Schüler sind mit einem schwammigen „lernt für die Arbeit“ nämlich überfordert und fangen erst gar nicht an. Regelmäßig ein paar konkrete Aufgaben, die erledigt und dann auch abgehakt werden können, wären meiner Meinung nach sinnvoller.
Das sind meine Erfahrungen als Mutter und als Lehrerin. Hast du Kinder, die eine schwedische Schule besuchen oder unterrichtest du an einer schwedischen Schule? Schreibe gerne in den Kommentaren, welche Erfahrungen du gemacht hast.
Hier erfährst du mehr über mich.
Noten: Es zählt, was du am Ende kannst
Im Moment (2026) gibt es an schwedischen Schulen die Noten A, B, C, D, E und F.
A ist die Bestnote, F ist nicht bestanden.
Für die Endnote eines Faches zählt, was der Schüler/die Schülerin am Ende des Schuljahres kann, d. h. welche Kompetenzen er oder sie insgesamt im Schuljahr erworben hat.
Wenn man die Klassenarbeit zu Gleichungen im Oktober vermasselt hat, kann man im Mai immer noch zeigen, dass man mathematische Probleme mit Hilfe von Gleichungen lösen kann.
Die Idee ist gut. Es geht nicht darum, den Schülern Noten zu „verpassen“, sondern darum, ihnen Kompetenzen zu vermitteln. Prüfungsangst kann gemildert werden, wenn man weiß, dass man noch eine weitere Chance erhält.
Bei einzelnen Schülern führen diese mehrfachen Chancen allerdings zu ungesunder Aufschieberei und dazu, dass sie die Schule nicht mehr ernst nehmen. Erst ist man wiederholt „krank“, dann wird exakt dieselbe Spanischprobe dreimal geschrieben und immer noch nicht bestanden.
Schulstress
Viele Högstadie-Schüler klagen über Stress.
Bei meinen eigenen Kindern habe ich erlebt, dass es viele Klassenarbeiten gibt und die Inhalte, die gelernt werden sollen, zum Teil wirklich umfangreich sind. Zum Beispiel in Gemeinschaftskunde oder in Chemie und Physik. Da ist etwas Planung notwendig; es reicht nicht, dass man sich erst am Vorabend hinsetzt und lernt.
Gleichzeitig berichteten sie in anderen Fächern immer wieder, dass sie mit den Unterrichtsaufgaben weit vor der Deadline fertig geworden waren.
Hier arbeiten die Schüler im Unterricht nämlich immer wieder über längere Zeit in „Eigenarbeit“. Beispiel aus dem Schwedischunterricht: Lies ein Jugendbuch, schreibe eine inhaltliche Zusammenfassung und charakterisiere die Hauptfigur. Abgabe in vier Wochen.
Stress entsteht dann häufig durch schlechte Organisation und Aufschieberei. (Und manchmal leider auch dadurch, dass nicht erklärt und geübt wurde, wie man eine Figur charakterisiert …) Die Schüler verlieren den Überblick über die anstehenden Aufgaben und Termine und sitzen ermattet erst mal drei Wochen im Klassenzimmer herum und blättern ein wenig im Buch. Zwei Tage vor Abgabe bekommen sie dann Panik. Wofür der Lehrer Verständnis hat und die Deadline verlängert.😉
Keine teuren Ausflüge und Klassenfahrten
Da die Schule Eltern nichts kosten darf, sorgt die Schulkantine auch bei Ausflügen für das Mittagessen: Als ich mit einer achten Klasse unterwegs war, gaben sie uns einmal Grillzeug mit, ein anderes Mal kam der Hausmeister mit Bergen von Nudelsalat angefahren.
Teure Klassenfahrten wie Skilandheime gibt es an kommunalen Schulen normalerweise nicht.
Den an vielen Schulen üblichen größeren Ausflug am Ende der neunten Klasse müssen sich die Schüler selbst verdienen, zum Beispiel durch die Veranstaltung einer Disco für jüngere Schüler oder den Verkauf von Sponsoring-Produkten.
(Da wir hier keine Verwandtschaft haben, der die Kinder die Sportsocken, Kekse oder Gewürzmischungen andrehen können, haben wir die Sachen dann immer stapelweise selbst im Schrank. 😊)
Fazit
In der schwedischen högstadieskola gibt es also einige Unterschiede zur deutschen Gesamtschule.
Die meisten Schüler erleben diese Zeit als relativ anstrengend: neue Schule, neue Klasse und der erste richtige Notendruck, damit man am Ende in den gewünschten Zweig der weiterführenden Schule/Berufsschule reinkommt. Vieles, was man plötzlich gleichzeitig im Blick haben und selbständig erledigen soll. Dazu noch die geballte Pubertät.
Organisatorisch und unterrichtstechnisch könnte man meiner Meinung nach ein paar Dinge besser machen. Und die sehr große Nachsichtigkeit ist in einzelnen Fällen kontraproduktiv.
Was mich jedoch immer wieder stark beeindruckt, ist, wie die Schüler mehr als Mensch, denn als Schüler gesehen werden, und dass die soziale und emotionale Begleitung der Jugendlichen mindestens genauso wichtig ist wie die Vermittlung von Wissen.
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Hier geht es weiter:
>> Teil 4: So funktioniert das schwedische gymnasiet (Schule für 16-19-Jährige)
Die komplette Beitragsreihe zur schwedischen Schule bei einfachschwedisch.de:
Teil 1: Übersicht schwedisches Bildungssystem, Aufbau und Werte
Teil 2: Die låg- och mellanstadieskola (Klasse 1-6)
Teil 3: Die högstadieskola (Klasse 7-9)
Teil 4: Das gymnasiet (gymn. Oberstufe und Berufsschule)
Teil 5: Dein Kind in der schwedischen Schule – So werden ausländische Kinder integriert

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