Einleitung
Wie funktioniert eigentlich Schule in Schweden? Ist dort alles besser? (Spoiler: manches ja, anderes nein.) Wie ist das schwedische Bildungssystem aufgebaut und wie geht es im Alltag in einer schwedischen Schule zu?
Diese Fragen beantworte ich in meiner Artikelserie zum schwedischen Schulsystem.
Dabei gehe ich auch darauf ein, welche Vorteile und Nachteile das Schulsystem in Schweden meiner Meinung nach hat, und berichte von meinen ganz persönlichen Erfahrungen als Mutter und Lehrerin an verschiedenen schwedischen Schulen.
Auf den ersten Blick scheint vieles ähnlich zu sein, auf den zweiten Blick merkt man, dass doch manches ganz anders funktioniert. Das geht von der Einschulung über die Hausaufgaben, die Notengebung, die Kosten, die Einflussnahme und Einsicht der Eltern bis zum Schulabschluss mit 18 oder 19 Jahren und den Übergang ins Berufsleben oder Studium.
In Teil 1 meiner Artikelreihe gebe ich hier einen Überblick über die verschiedenen Schularten und die grundsätzlichen Kennzeichen und Werte der schwedischen Schule. In den folgenden Teilen wird es dann noch konkreter.
Viel Vergnügen beim Eintauchen in die schwedische Schullandschaft! 🙂
Los geht’s!
Die komplette Beitragsreihe zur schwedischen Schule bei einfachschwedisch.de:
Teil 1: Übersicht schwedisches Bildungssystem, Aufbau und Werte
Teil 2: Die låg- och mellanstadieskola (Klasse 1-6)
Teil 3: Die högstadieskola (Klasse 7-9)
Teil 4: Das gymnasiet (gymn. Oberstufe und Berufsschule)
Teil 5: Dein Kind in der schwedischen Schule – So werden ausländische Kinder integriert
Inhalt
Aufbau des schwedischen Schulsystem
Im Moment (2026) ist das schwedische Schulsystem so aufgebaut:
Förskoleklass
Nach dem Kindergarten (förskola) kommen die Kinder mit 6 oder knapp 6 Jahren in die förskoleklass. Das ist ein Übergangsjahr zwischen Kindergarten und Schule, das alle Kinder besuchen. Seit 2018 ist der Besuch der förskoleklass Pflicht.
Grundskola
Danach erfolgt der Besuch der grundskola genannten Pflichtschule. Sie umfasst die Klassen 1 bis 9 (ca. 7 bis 16 Jahre) und schreitet in Dreierschritten voran:
Klasse 1-3 heißen lågstadiet (wörtlich Unterstufe)
Klasse 4-6 heißen mellanstadiet (wörtlich Mittelstufe)
Klasse 7-9 heißen högstadiet (wörtlich Oberstufe)
Ein Lehrerwechsel findet so normalerweise jedes dritte Jahr statt.
Traditionell befinden sich förskoleklass, lågstadiet und mellanstadiet an einer Schule, danach wechseln die Schüler im Alter von 12 bis 13 Jahren an eine högstadieskola. In manchen Gemeinden erfolgt der Wechsel bereits zur sechsten Klasse. (Da die zweite Fremdsprache seit einigen Jahren ab Klasse 6 unterrichtet wird.)
Im högstadiet (Klasse 7-9) werden alle Schüler gemeinsam unterrichtet. Eine Aufteilung in verschiedene Schulformen wie in Deutschland erfolgt nicht, eine Aufteilung nach Niveaugruppen in bestimmten Fächern (wie an deutschen Gesamtschulen z. B. in Mathematik üblich) erfolgt ebenfalls nicht. Sie ist ausdrücklich unerwünscht.
Gymnasiet
Nach dem högstadiet wechseln im Prinzip alle Schüler aufs gymnasiet. Das sorgt in den deutschsprachigen Ländern immer wieder für Verwirrung. 🙃
Ein schwedisches gymnasiet ist nämlich kein „Gymnasium“, sondern ganz einfach eine „Schule für 16-19-Jährige“, die verschiedene Ausbildungszweige anbietet.
Einige dieser Zweige sind berufsbildend (und entsprechen damit der deutschen Berufsschule), andere sind hochschulvorbereitend (und entsprechen damit der deutschen gymnasialen Oberstufe).
Den Schulabschluss machen die Schüler dort dann mit 18 oder 19 Jahren. Je nachdem, welchen Zweig und welche Kurse sie gewählt haben, haben sie damit Zugang zu verschiedenen weiterführenden Ausbildungen.
Förderschulen in Schweden
Schüler, die von einer starken geistigen/kognitiven Beeinträchtigung betroffen sind, besuchen in Schweden die anpassad grundskola/gymnasieskola.
Schüler mit starken körperlichen Beeinträchtigungen können eine specialskola besuchen.
Außerdem gibt es mancherorts noch die resursskola, die keine eigene Schulform ist, sondern als eine Art „Unterabteilung“ einer grundskola oder anpassad grundskola Schüler aufnimmt, die sehr umfassenden Unterstützungsbedarf haben (z. B. besondere Erkrankungen).
Hier nochmal die Übersicht als Grafik:

Wird dein Kind nach 2028 eingeschult, kommt es zu einer kleinen Änderung. Diese erkläre ich in folgendem Artikel: Dein Kind in der schwedischen Schule.
Du willst vielleicht Schwedisch lernen? Einen kleinen Vorgeschmack bekommst du in diesem Artikel.
Verwirrende Begriffe im schwedischen Schulsystem 🙃
Die verschiedenen Bezeichnungen sind gerade für Deutsche sehr verwirrend, weil vieles ähnlich heißt, aber etwas anderes bedeutet!
Wenn in Schweden von der grundskola die Rede ist, sind damit also die Klassen 1-9 gemeint.
Eine deutsche Grundschullehrerin (der Klassen 1-4) entspricht in Schweden am ehesten einer lågstadielärare.
Und ein Schüler, der in Schweden das gymnasiet besucht, muss nicht die hellste Kerze auf der Torte sein. 😊 (Durch die deutsche Presse geistert immer wieder, das schwedische Schulsystem sei so toll, dass fast alle Schüler das Gymnasium besuchten …)
Besonders aufpassen muss man bei automatisch generierten Übersetzungen im Internet.
Und nicht nur für Deutsche sind die Begriffe verwirrend.
Wenn deutsche Eltern den schwedischen Lehrern erzählen, ihr Kind habe in Deutschland die 7. Klasse des Gymnasiums besucht, dann verstehen die Schweden oft nur Bahnhof.
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Grundsätzliche Kennzeichen der schwedischen Schule
Das Prinzip der gleichen Chance
In Schweden gilt in der Schule, wie auch in anderen Bereichen der Gesellschaft, das Gleichheitsprinzip. Alle sollen die gleichen Chancen erhalten, Bildung darf keine Frage des Geldes und keine Frage der Unterstützung durch die Eltern sein.
Kostenloser Schulbus, Mensa, Schulmaterial
Daher ist vieles, was in anderen Ländern für die Familien mit Kosten verbunden ist (Schulbus, Arbeitsmaterial, Mensa), in Schweden steuerfinanziert. Einkommensschwache Familien werden durch den Schulbesuch der Kinder so nicht noch zusätzlich belastet.
Förderung von Schülern mit Lernschwierigkeiten
Das Prinzip gilt auch für die Förderung von Schülern mit Lernschwierigkeiten, die komplett in der Schule erfolgt. Freiberufliche Lerntherapeuten gibt es keine, auch private Nachhilfestunden sind eher unüblich. (Die Eltern sind gewohnt, dass für die Schule die Schule zuständig ist.)
Stattdessen sind in den Schulen sogenannte specialpedagoger oder speciallärare tätig. Sie testen die Schüler auf Förderbedarf, legen fest, welche „zusätzlichen Anpassungen“ der jeweilige Lehrer vornehmen soll und arbeiten mit Fördergruppen.
Meine Erfahrung dazu: Ein tolles Prinzip, das in der Praxis jedoch seine Schwächen hat. Viele Schüler erhalten leider nicht die Hilfe, die sie eigentlich bräuchten.
Erläuterung
Eine längere, systematische Einzelförderung erfolgt in der Regel (schon aus Budget- und Personalgründen) kaum. Inzwischen ist es üblich, dass die specialpedagoger Förderbedarf feststellen und die Art der Förderung festlegen, dann landen die Kinder in Fördergruppen oder die Unterstützung erfolgt im Rahmen des normalen Unterrichts durch den Fachlehrer (was je nach Fach und Lehrer unterschiedlich gut funktioniert).
In Mathematik wird es schwierig, wenn man als Lehrer Kinder mit Lernschwächen individuell fördern soll, gleichzeitig von den anderen einige den Stoff der letzten Schuljahre gar nicht können (Sitzenbleiben gibt es nicht) und man eigentlich auch noch das aktuelle Thema unterrichten muss – in derselben Unterrichtsstunde.
Kinder mit und ohne Leseschwäche, die das Lesen anstrengend finden, werden oft einfach mit technischen Hilfsmitteln (Lehrbücher als Hörbuch, Computer, der vorliest …) versorgt, so dass sie dann gar nicht mehr lesen „müssen“.
Das Prinzip der zweiten Chance
Wer eine Klassenarbeit in den Sand gesetzt hat, bei einer Prüfung durchgefallen ist oder damals den Schulabschluss nicht geschafft hat, erhält immer eine zweite Chance (manchmal auch eine dritte und vierte): Nicht bestandene Klassenarbeiten können wiederholt werden, genauso wie Prüfungen.
Den Schulabschluss kann man komplett oder in Teilen bei Komvux, der kommunalen Erwachsenenbildungseinrichtung nachmachen.
Ein guter Ansatz, der Prüfungsangst mindert: Geht es schief, bekomme ich noch eine Chance.
Bei einigen Schülern führt dies jedoch zu Aufschieberitis. (Ich lerne mal vorsichtshalber nicht so viel, vielleicht funktioniert es ja so, und wenn nicht, bekomme ich eh noch eine Chance … 😏)
Und für die Lehrer bedeutet es in den höheren Klassen, dass sie Klassenarbeiten mehrmals „anbieten“ müssen und dass am Ende des Schuljahres jede Menge Nachprüfungen anstehen.
Das Prinzip des coachenden Mindsets
Im schwedischen Schulsystem geht es weniger darum, die Schüler zu bewerten und zu beurteilen (und in Kategorien wie „gute/schlechte Schüler“ zu sortieren), als mehr darum, ihnen bei ihrer Entwicklung zu helfen.
Man geht davon aus, dass das Kind sein Bestes gibt, dass Probleme einen Grund haben und dass das Kind sich weiterentwickeln will. Und dass es das auch schafft, wenn es entsprechende Unterstützung erhält. Eine ganz wunderbare Grundeinstellung.
Dies gilt sowohl für die fachlichen Leistungen als auch für das Verhalten.
Schwedische Lehrerinnen und Lehrer gehen im Unterricht meiner Erfahrung nach sehr wertschätzend mit ihren Schützlingen um und sind darauf bedacht, niemanden bloßzustellen. Zum Beispiel können schüchterne Jugendliche Referate statt vor der ganzen Klasse vor einer kleinen Gruppe „Wohlgesinnter“ halten. Dass Kinder an der Tafel vorrechnen, ist auch eher unüblich.
Manchmal geht die Rücksichtnahme allerdings etwas zu weit. Es kommt leider vor, dass störende Schüler kaum zurechtgewiesen werden oder dass in Einzelfällen erst sehr spät bemerkt wird, dass ein Kind nicht richtig lesen kann – weil es nie laut vorlesen musste, da das für die schwächeren Kinder ja peinlich ist …
Für viele Schüler sind die Lehrer und Lehrerinnen Vertrauenspersonen. In manchen Fällen wissen sie besser, wie es den Jugendlichen geht, als die eigenen Eltern.
Das bedeutet aber noch lange nicht, dass die Jugendlichen Lehrer automatisch respektieren!
Wer an einer högstadieskola (Kl. 7-9) unterrichtet, muss zunächst mit teilweise respektlosem Verhalten rechnen und sich das gute Verhältnis zu den Schülern erst erarbeiten. (Dieses Abenteuer solltest du nur mit richtig guten Sprachkenntnissen wagen.😁)
Und bei Fehlverhalten von Seiten der Schüler (häufiges Zuspätkommen, nicht gemachte Aufgaben …) haben schwedische Lehrer relativ wenig Handlungsspielraum.
>> Hier erkläre ich dir, ob es schwierig ist, Schwedisch zu lernen, oder total einfach.
Alternative Schulen und Privatschulen in Schweden
In Schweden gibt es neben den kommunalen/staatlichen Schulen sogenannte friskolor (freie Schulen).
Friskolor sind Privatschulen, die nach dem staatlichen Lehrplan unterrichten und aus kommunalen Steuermitteln finanziert werden, jedoch einen anderen Schulträger haben (z. B. eine Stiftung, eine Organisation oder ein Unternehmen).
Beispiele für friskolor:
- vereinzelte schwedische Waldorf- und Montessorischulen
- ein paar kirchliche Schulen
- ein paar Schulen, die von Stiftungen betrieben werden
- die Schulen/Schulketten, die von Aktiengesellschaften mit Gewinnabsicht betrieben werden
Da alle diese friskolor über die Kommunalsteuer finanziert werden, kostet der Schulbesuch die Eltern nichts.
In die Waldorf- und Montessorischulen gehen daher in Schweden nicht nur Kinder, deren Eltern vom jeweiligen pädagogischen Konzept überzeugt sind, sondern auch viele, die einfach in der Nähe wohnen und Kinder, für die die kommunale Schule aus verschiedenen Gründen nicht passt.
Die von Aktiengesellschaften betriebenen, gewinnorientierten Privatschul-Ketten stehen immer wieder in der Kritik. Da sie sich über die Kommunalsteuer finanzieren, siedeln sie sich gerne in wohlhabenden Gemeinden an. Gleichzeitig versuchen sie, möglichst attraktiv zu sein, indem sie viele Schüler durch den Abschluss bringen. Mehr dazu findest du in diesem Artikel aus dem Jahr 2022 und in diesem, die noch immer aktuell sind.
Wenn Schulen eine Wohnmöglichkeit im Internat anbieten, dann ist der Schulbesuch kostenlos, die Unterbringung und Verpflegung müssen jedoch bezahlt werden.
Neben den „normalen“ friskolor gibt es in Schweden drei exklusive Privatschulen mit Internat, die Schüler aus ganz Schweden aufnehmen und deren Besuch je nach gewähltem program mit sehr hohen Kosten verbunden ist: Lundsbergs skola, Grennaskolan und Sigtunaskolan.
Internationale und deutsche Schulen in Schweden
In Schweden gibt es eine Reihe internationaler Schulen, davon eine deutschsprachige (Deutsche Schule Stockholm) und eine französischsprachige (Lycée français Saint-Louis de Stockholm). Beide haben einen guten Ruf.
Die restlichen internationalen Schulen sind englischsprachig. Eine Übersicht findest du hier.
Hier geht es weiter:
So funktioniert Schule in Schweden:
Teil 2: So geht es an einer schwedischen Grundschule (Klasse 1-6) zu. Lies und staune. 😊
Die komplette Beitragsreihe zur schwedischen Schule bei einfachschwedisch.de:
Teil 1: Übersicht schwedisches Bildungssystem, Aufbau und Werte
Teil 2: Die låg- och mellanstadieskola (Klasse 1-6)
Teil 3: Die högstadieskola (Klasse 7-9)
Teil 4: Das gymnasiet (gymn. Oberstufe und Berufsschule)
Teil 5: Dein Kind in der schwedischen Schule – So werden ausländische Kinder integriert
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